Mutterfreuden
26. Mai 2005 - 19:31 UhrDas Aupairmädchen trägt meine Umstandsklamotten auf.
Ich fühle mich, als würde ich Großmutter.
Das Aupairmädchen trägt meine Umstandsklamotten auf.
Ich fühle mich, als würde ich Großmutter.
die Spinne auf meinem Bildschirm mit Doppelklick zu erschießen.
hat 50 Jahre lang die SPD gewählt.
“Immer war ich morgens eine der Ersten im Wahllokal”, erzählte sie heute beim Mittagessen, “die kannten mich da schon” (?).
Dieses Jahr Ratlosigkeit, jetzt ist ja die SPD an allem Schuld, aber deshalb gleich den Rüttjers wählen?
Kurz vor Schluss ist sie doch noch gegangen.
Gewählt hat sie die Grünen - weil nicht mehr so viele Dosen herumliegen.
Ich finde das respektabel: Sie hat geprüft, was von der Politik sichtbar bei ihr ankommt.
“Die Totenstille wich einer lähmenden Starre” (aus der SPD-Zentrale)
Kinderfest auf dem Bauernhof.
Kühe, Pferde, Esel, Hühner, Gänse und die Schafe.
Sind Schafe die einzigen Tier, deren Laute man auf Deutsch in Buchstaben darstellen kann?
Die Schafe nämlich sagen
Mä
Einfach MÄ, ein em ein ä.
Ein ganzer Mä-Chor, und wenn die immerzu grasenden und Mä-sagenden Schafe für das Verb mähen verantwortlich wären, fände ich das hübsch und folgerichtig, aber wahrscheinlich ist es nicht so.
Das ist ein vielstimmiger Chor, keine Lieder für gleiche Stimmen. Schwule Tenorschafe und exaltierte Sopranschafe, Basslämmer und ein Altbock. Nun belehrte mich mein Freund B. zu recht, dass die eigentlich nicht schwul sein können, na dann:
Femme-Schafe und Butch-Schafe, kesse Väter und süße Törtchen.
Wenn sie nur nicht alle so herrlich dämlich aussähen.
Mä.
Seit das Bäckerbaby da ist, hat sich das Sortiment verändert.
Das Bambi schimpfte allenfalls mal mit dem jungen Bäckerchef (Türke?), er habe die Kartoffel- oder Spinattasche zu scharf gewürzt, der lächelte jeweis mild und ließ alles, wie es ist.
Heute erst ein prüfender Blick in die Auslage: Frankfurter Kranz, Butterschokoladenspritzgebäck mit Nougatfüllung, Cremetorten vom Blech.
Ich (heute morgen 68,5 kg) vorbeigehuscht und im Büro nur Apfelschorle und Milchkaffee getrunken.
Im Kühlschrank waren zum Glück noch zwei von den Butterschokoladenspritz…
sind die Meisen irgendwann zwischen Donnerstag und heute.
Am Donnerstag schien mal kurz die Sonne, ich saß auf der Terrasse und wartete. Auf das Fiepsen, zuletzt fast ein Zwitschern, auf den richtigen Sonnenstrahlwinkel, um noch mal hineinschauen zu können, auf das Meisenelter mit dem Wurm, das bisher etwa im Fünfminutentakt anflog.
Es passierte aber längere Zeit gar nichts. Ich las Zeitung, trank Kaffee, stand auf, legte mein Ohr an den Topf, las wieder, trank, stand auf, steckte die Nase in den Topf. Roch das nicht etwas gammligsüßlich? Und was machte die grünschillernde Fliege über dem Einflugloch?
Dann aber kam doch wieder die fleißige Elternmeise, das Gezwitscher ging los. Der Regen kam wieder.
Heute erst wieder Sonne, und nun hob ich den Topf an.
Alles schön aufgeräumt, besenrein hinterlassen.
Wo schlafen sie jetzt? Müssen die nicht irgendwo wohnen? Werden die Eltern wieder einziehen für die nächste Generation?
Zwischen Auto und Büro gehe ich in die kleine Bäckerei. Das bambigleiche zarte Wesen mit der Baccarafrisur ist schon seit etwa zwei Wochen nicht mehr da, jetzt drängen sich etwa drei Zentner in einer jungen Frau hinter der kleinen Theke. Sie ist sehr freundlich, wirkt aber einschüchternd - aufgepumpt, sie ist nicht einfach dick sondern hat auch ein riesiges Gesicht mit einem riesigen Mund, aus dem riesenhaft laute doch freundliche Laute kommen. Sie schließt den Mund nie ganz, vielleicht ist die Zunge zu riesig. Ließe man die Luft heraus, wäre sie ein süßes moppeliges Baby.
Ob noch Milch da sei, frage ich, im Kühlschrank ist keine, nur Kakao. Nein, aber “BIST DU HIER IN DER NÄHE?”, ich verwirrt. “Ja, ähm, arbeite hier nebenan”. Sie: “IM NAGELSTUDIO?” Ich “Nö, Büro”. Sie: “DANN GEB ICH DIR NEN BECHER MILCH MIT WENN MAN MILCH WILL WILL MAN MILCH”. Sie holt mir einen Pappbecher mit H-Milch, ich kaufe noch zwei Rosinenbrötchen, die ich später in meinen Milchkaffee tunken werde. “DIE MILCH SCHENKE ICH IHNEN”, bin beruhigt, dass ich doch wohl nicht so junge aussehe.
Als ich aus dem Laden trete, habe ich ein starkes Bedürfnis nach Nägelkauen. Aber ich muss ja aufpassen, dass die Milch nicht überschwappt.
Ich möchte wirklich gerne wissen, was in Menschen vorgeht, die beim Einkaufen ihren Fahrradhelm aufbehalten.
Ach nein, lieber doch nicht.
Vielleicht nicht mehr als in den Wassermelonen, mit denen früher nach der Snell-Norm die Bruchfestigkeit der Helme geprüft wurde.
Wie ich so im Auto sitze und warte, dass die Müllmänner wieder ihre kleine Plattformen am Heck des Müllautos eingenommen haben, sinniere ich über die Anforderungen des Berufs, wie sich wohl das Geschaukel da hinten auf die Befindlichkeit auswirkt. Ich fahre noch ein paar Meter hinter ihnen her, und die beiden wirken entspannt, heiter.
Das erinnert mich an die Fahrt in Toms wackerem Samurai von Concepcion zur Boca Bio Bio im Oktober 2001. Der wackere Samurai verfügte nicht über funktionierende Stoßdämpfer. Tom fand kein Fehl an dem Wagen. So sei das halt bei so kleinen Geländewagen. Ich musste hinten sitzen, der kleine Tom fuhr, K war der Größte, durfte vorne sitzen, der schwere G und ich hinten. Ermattet von Reiseleiterverantwortung und Nachtlagerwirrnissen hätte ich die Fahrt gerne verschlafen. Die Straße war mal geteert, dann wieder nicht, dazwischen Stufen, das letzte Stück Schotterpiste. Die Sitze fast ungepolstert, meine rechte Hand krallte ich in meinen Oberschenkel, die linke in den Aschenbecher, um nicht bei jedem Loch durchs Auto geschleudert zu werden. Das konnte G nicht passieren, aber auch er litt sichtbar.
Die Belohnung - schwarzer Sand am Atlantik, Pelikan-Formationsflug in der Flussmündung - stimmte gelassen für die Rückfahrt. Ich erinnerte mich, wie festgebacken ich als Kind auf noch so hoppeligen Ponies gesessen hatte. Beckenbogen entspannt, Beine breit und eine heitere Gelassenheit - schwer machen, die innere Mitte finden. Ich nahm die Zügel auf und konnte dann sogar schlafen.
Die Straße zur Boca ist im letzten Jahr fertig geworden, und der wackere Samurai hat doch noch neue Stoßdämpfer bekommen.