Musica Antiqua

Der Orgelspieler muss vielleicht um einen Halbton nach unten transponieren, weil das Örgelchen im Kammerton gestimmt ist, die Darmsaiten von Musica Antiqua dagegen etwas schlapper fallen dürfen. Das würde sein arges Versagen dann fast entschuldigen.

Schlappseilgeigen? Neinnein. “Wusste gar nicht, dass man auf Darmsaiten so schönen Lärm machen kann”, sagt U. Sie hat Geige gelernt und begleitete mich gerne zum Eröffnungskonzert der Brühler Schlosskonzerte.
(Mist, die Schokolade in der Schreibtischschublade ist fast alle, habe ich die wirklich selber gegessen?)
Wir waren underdressed, das muss man sich leisten können. Wir hatten die besten Plätze, waren dienstlich da und senkten den Altersdurchschnitt erheblich. Außerdem: Muttertag.

Beste Plätze heißt oberhalb der linken Treppe, zunächst können wir den älteren Herrschaften beim Erklimmen zusehen. Ein schwarzsilbriges Flattergewand soll Speckrollen kaschieren, doch reicht das Geflatter beim Treppensteigen bis zum Boden, die Schuhe weil zu spitz für die runden Füße vielleicht länger als gewohnt, jedenfalls tritt die Dame auf jeder zweiten Stufe vorne auf den Rock. Zieht ihn beherzt heraus, greift wieder das Geländer, tritt wieder, zieht, tritt, zieht. Der Mann geht zwei Stufen hinter ihr und schaut unbeteiligt.
Reinhard Goebel und Gustavo Zarba müssen schon lange ein Paar sein, die beiden machen sich da einfach einen schönen Abend mit ihren Geigen. Die spielen, als müssten sie nicht mehr üben, das macht alles das Rückenmark. Stehen so dicht beieinander, dass nur das perfekte Gleichspiel verhindert, dass Goebel dem Anderen den Bogen ins Ohr rammt. Die beiden anderen Geiger haben offenbar ausreichend geübt. Alle vier zusammen spielen: (Hier bitte alle gängigen Superlative einfügen) drei Konzerte für je vier Violinen von Telemann. Das könnte nach Schülervorspiel Violinklasse klingen, hier im Balthasar-Neumann-Treppenhaus ist es fabelhafte schöne witzige Musik. Musik aber, die man auch sehen muss, allenfalls bei bester Aufnahme- und Abspieltechnik würde der ständige Wechsel, das schnelle Weitergeben von Thema und Begleitung in wechselnder Richtung hörbar.

Aber ach: so unbeirrbar fantastisch, mit perfektem Puls, immer kraftvoll, nie zackig die Streicher und Bläser spielen - der Organist kann da überhaupt nicht mithalten. ALLE VIER Orgelkonzerte op. 4 von Händel müssen wir durchleiden. Das kleine Orchester spielt mit einem Atem, der Organist mit angehaltener Luft - und ich höre es mit verkrampftem Unterkiefer an, die Hand in den Oberschenkel gekrallt. Jeder Orgeleinsatz ein bisschen langsamer als das Tutti, viele falsche Töne und hübsche Rubati da, wo´s schwierig wird. Bibber. Erleichtertes Aufatmen bei mir und U., wenn das Orchester wieder einsetzt.

Stichwort:

Kategorie: Holde Vögellieder


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