Grabbeltisch Erinnerung: Sharon
Frühling 2002
Sharon
Ich hatte meinen Cappuccino in einer Zeit ausgetrunken und bezahlt, die ich für einen Besuch im Drogeriemarkt für angemessen hielt. Mit dem Blick auf den Eingang trödelte ich meine Sachen zusammen, Baby, Portemonnaie, Eis schleckendes Kleinkind. Ein erster Straßencafé-Tag im April.
Wenn sie wieder herauskommt werde ich sie treffen.
Hallo, werde ich sagen, lange nicht gesehen, sie wird einen Moment stutzen, ich hadere vorab mit der Blödigkeit meiner Rede. Die egoistische Lust an der Fortpflanzung ist unsere einzige Gemeinsamkeit.
Ihre Kinder sind wilde dunkle Wesen, die miteinander auf viele Weisen verwandt sind. Halb- und Vollgeschwister, Vettern und Kusinen. Meine Kinder sind pausbäckige Bullerbü-Geschöpfe von makelloser ehelicher Abstammung. Man hat die Kinder, die man verkraftet. Sie ist die einzige, die ich in dieser Stadt jemals von ihrem „Kiez“ habe reden hören. Das ist ihre Art, die Altstadt zu bevölkern.
Was könnte eine wirklich schöne Frau so lange beschäftigen. Als sie kam, war ich zu langsam. Sie drehte mir den Rücken zu. Gekauft hatte sie wohl nichts, der selbe Schlendergang rein wie raus.
Sehr zielstrebig geht sie vorbei.
Zu warme, zu klobige Schuhe.
Männerhose.
Schlabberhemd.
Die schwarzen Haare unten strohig.
Die etwas fleckigen Zähne nicht zu sehen.
Noch schöner ist sie immer nur, wenn sie schwanger ist.
Dieser Geruch.
Vor der Parfümerieabteilung vom Kaufhof verliere ich sie.
Ach wäre ich einmal so eins mit mir, wie diese Frau, die auszog, Parfüm zu klauen.
Kategorie: überzwerch Kommentieren »
