Scheißartifizielles Kunstlied?
Fritz Wunderlich, apropos, würde übermorgen 75, wäre er nicht schon mit 35 gestorben. Ich schalte ein, als er gerade aus der h-moll-Messe singt, dann Mozart, Entführung und Zauberflöte, auf dem Weg zum Hockeyturnier jede Menge Operettenscheiß, jetzt “Die schöne Müllerin”.
Es gibt da ein Buch von Westphalen bzw. von von Westphalen, ich habe nur den Anfang gelesen, da fährt jemand nach Hongkong (Bangkog?), er möchte die Winterreise (Die schöne Müllerin?) per 001011001 mit der Stimme von Tom Waits einspielen. Die Idee gefiel mir, auch wenn ich das Buch nicht weiterlesen mochte.
Hannes Wader hat dann auch mal Winterreise eingespielt, wurde in “abgehört” besprochen. War aber ziemlicher Scheiß.
Als Brigitte Fassbaender anfing, die Winterreise öffentlich zu singen, fanden die Jungs das nicht gut. Aber immer nur Frauenliebe und Leben, diese strunzdummen Weibchentexte? Ich hörte sie 1986 im Bahnhof Rolandseck, bei 31 Grad, und es fröstelte. Irre Hunde heulen. Whow. Die Zuhörer an den Fenstern öffneten und schlossen die Fenster im Takt der durchfahrenden Fernverkehrszüge. Eine von ihnen, die ich heimlich liebte, starb ein paar Jahre später unter einem durchfahrenden Fernverkehrszug.
Wunderlich ist Kult, und seine Dichterliebe hat mich schon in Tränen zerfließen lassen. Trotzdem: Mein Herz und Ohr gehört eben nicht dem Tenor. Mezzo und Bariton aber. Wenn Brigitte Fassbaender “irre Hunde heulen” lässt, dann ist das gruselig, rotzig, hässlich, wunderbar. Wunderlich: Kunstvoll, fein, klar, schön.
“Wunderlich, die Utopie des vollendeten Gesangs”, sagt der Moderator im WDR. Dann bezeichnet er Beethovens “Ich liebe dich” als abseitigeres Liedgut. Brainfuck. Beethoven wollte, dass jeder seine Lieder singen kann, aber keiner tut´s. Außer Kempowski, mit brüchigem Bariton die Adelaide. Ich war 14, wir standen um seinen Flügel in Nartum (Literaturkurs), ich durfte einstimmen. Später sangen wir zu zweit alle Strophen der Mond ist aufgegangen. Auch so ein romantisches Kunstlied.
Meine Eltern trafen sich mit Freunden zum Singen, da saß dann einer am Flügel, man schmetterte die Schöne Müllerin und was halt so da war, und wurde dabei immer betrunkener. Einer sagte zum Lindenbaum “der hängt sich darin auf”, als hätten das nicht schon alle gewusst. Und am Ende lag man mit dem falschen Partner hinter dem Sofa. Die frühen 80er im Vorort.
Also: Singen, singen, singen, singen. Nicht immer nur üben und auftreten und Wunderlich hören. Bitte. Sonst verkommt das wirklich alles zum scheißartifiziellen Kunstlied.
Stichwort: Holde VögelliederKategorie: Holde Vögellieder

am 1. Januar 1970 um 01:00 Uhr | #
Auch nicht übel ist, wie ich finde, die Winterreise von Mitsuko Shirai. Die Rezitationen von Peter Härtling, gegen dessen Wirken man ohnehin einmal ernsthaft etwas unternehmen sollte, sind komplett zum Vergessen, aber ihre Interpretationen sind großartig. Was vermeid´ ich denn die Wege - da zieht sich mir jedesmal das Herz zusammen, wie beim ersten Hören, mit acht oder neun Jahren in der Aufnahme von Fischer-Dieskau oder Kipnis. Natürlich die Adelaide, natürlich vom schönen grünen Band. Geliebt, wenn auch offenbar völlig aus der Mode, Elisabeth Schwarzkopf, deren natürlich hochgradig artifizieller Gesang trotzdem derjenige bleiben wird, der gerade Richard Strauss´Lieder oder auch Hugo Wolf in mein Ohr gestanzt hat.
Unterschätzt wird, wie ich finde, das Mozart-Lied. So kleine Münze, wie man häufig hört, ist das alles nicht, und wer Ohren hat zum Hören, der hört es wirken und weben unter der glatten Oberfläche. Zum Ridente La Calma wird man mich, dies fast OT, einmal zu Grabe tragen, wenn alles funktioniert.
Aber Sie haben mich da auf eine Idee gebracht - über das Kunstlied schreibe ich vielleicht auch einmal in den nächsten Tagen, wenn ich wieder ein bißchen Zeit habe.