Wenn Musica Antiqua spielt, …
… dann kommen Menschen mit Fotoapparaten, die von flickr noch nie gehört haben (beide nicht, Mensch und Maschine)<
. und Menschen, die zwei Brillen übereinander tragen
.
Reinhard Goebel ist eine coole Sau, ich hätte ihn fast nicht erkannt, weil er keine lustige Brille auf hat. Schweres Ackern gegen die trockene Akustik, sie nutzen ja Naturprodukte, nämlich Darmseiten. Die Pausen zwischen den Sätzen vertreiben uns die Musiker mit Stimmen. Vielleicht kann die Genforschung mal ein Tier erfinden, dass einen Darm hat, der sich weniger leicht verstimmt als der des Schafes. Die so im Bahnhof verlorene Zeit holen sie auf der Strecke locker wieder rein.
Die U. neben mir behauptet, für eine Cello-C-Saite benötige man 40 Schafe. Oder 20. Jedenfalls viele. Während des noch etwas mühsamen ersten Stückes, einer Chaconne von Corelli, springt eine wollige Lämmerherde vor meinem inneren Auge herum. Ich denk, die sollten mal die Dämpfer abmachen, aber Darm ist nicht Stahl, und das Forum der Kunsthalle ist nicht das Treppenhaus von Schloss Brühl, also einfach mal die ipod-versauten Ohren auf sensibel schalten.
Schon auf der zweiten Etappe - nun Caldara - erreichen die Musiker die absolute Höchstgeschwindigkeit. Absolut heißt: Noch einen Tick (Metronom) schneller, und das Eiweiß in den Darmseiten denaturiert. Goebel ficht und paddelt und rührt mit dem Bogen herum, verzieht den Mund, ein stiller Fluch, blickt nach oben, ein Stoßgebet (oder ein Fluch in die richtige Richtung?), es wird einem nichts geschenkt, also muss man es sich holen. Der Cellist Klaus-Dieter Brandt ist eine weitere coole Sau, das Cello ohne Stachel zwischen die Beine geklemmt, also irgendwie tiefergelegt, windschnittig, schwingt mit dem Kopf mal über, mal unter den Wirbeln herum.
Händel sowieso geil, in der Pause Bier trinken und Leute gucken. “Was macht IHR denn HIER?”, fragt der unzuverlässige Tenor aus meinem Chor. Na, wat meinste wohl? Bier trinken, det siehste doch. Toller Schuppen hier, wa?
Nach der Pause Musik von Never-heard-ofs Valentini und Reali, La follia geht immer, merkt euch das. Follia ist … ach, kauft euch doch selber mal ne Platte oder eine Eintrittskarte. Folien oder Foglias oder Follies haben allerlei Komponisten vertont, so eine Art hispanolischer Veitstanz. Es gab wohl einen Die-Romanische-Welt-sucht-die-Superfollia-Contest seinerzeit. Eher vorne platziert Vivaldi, Sonate La Follia d-moll, das Schlussstück. Goebel räumt den roten Klappnotenständer weg, sie spielen alle vier von diesen roten Klappnotenständern, das gibt ihnen was von Durchreise, müssen gleich wieder weg, wenn wir hier genug auf die barocke Kacke gehauen haben. Goebel tut so, als fallen ihm diese abertausend Töne gerade erst ein, schnell mal alle rauf und runter, die auf der Geige drauf sind. Tatsächlich schaut er mal beim Cembalisten, mal bei der zweiten Geigerin in die Noten.
Schwitzt nicht mal, ich sags doch, coole Sau.
Übrigens: Dies
ist kein Kontrabass. Dies ist eine Violone.
Verdienter Applaus.
(Und so steht es in der Zeitung, BKW war auch da).
Stichwort: Holde Vögellieder, sopran lässt singenKategorie: Holde Vögellieder, sopran lässt singen
