24. Juli 2006 - 09:56 Uhr
Tiere, die mehr Beine haben, als ich beim Zähneputzen zählen kann.
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Mezzo
Von “commencer maintenant” zu Ostern bis heute sind die Kanalarbeiten - was das grüne Haus angeht - bis auf 30 Zentimeter fertig. Wer wie der Mann noch immer glaubte, dass die Scheiße unmöglich, niemals, man müsste doch Papier sehen, in den kleinen Bach fließt, der werfe einen kurzen Blick auf diese 30 Zentimeter.
Bis auf einen Meter um das riesige Planschbecken haben sie unser Grundstück in den letzten Tagen weggebaggert. Das Planschbecken leere ich heute aus, wegen Vernachlässigung ist es grün angelaufen. Ich sauge durch ein Stück Schlauch einen kräftigen Schluck Algenbrühe ein und hänge den Schlauch dann in den Bach. Bei Voisine Mongolière wird eine Flutwelle ankommen. Als ich den Planschbeckenrand zur Beschleunigung runterdrücke, rauscht ein kleines rundes braunes Blatt an mir vorbei, an dessen Rand sich ein Marienkäfer klammert.
Heute Abend stecke ich dem Huhn eine dicke Zitrone in den Arsch, dann kommt es in den Backofen. Es ist Ruhe eingekehrt, die singenden Touristen sind weg, wir hatten ein wundervolles Konzert in der Abbaye, davon später mehr, wenn es wieder heißt:
Singet holde Vögellieder.
Das fastnackte dreijährige Mädchen in meinem Bett spielt mit den Sonnenstrahlen, die zwischen den Fensterläden ins Zimmer drängen. Füße, Hände, kann man das wegpusten? Sie zählt ihre schmutzigen Zehen, eins zwei drei vier fünf am rechten Fuß. Sie kann schon rechts und links unterscheiden, das hat sie mir voraus. Eins zwei drei vier fünf sechs am linken Fuß. “Zähl nochmal” - nicht, dass sie später erschrickt, weil eine fehlt. Eins zwei drei vier fünf.
Als ich nach Haus kam mit noch schmutzigeren Zehen, sah ich aus dem Fenster auf die herzförmige Platane. Im Frühling hat sie hässliche Ast-Stümpfe, im Sommer verführt die brutale Baumpflege zu romantischen Anwandlungen.
säts facking romäntic, merde alors
Klassifizierung:
Tiere, die beim Getötetwerden stauben (Motte).
Tiere, die beim Getötetwerden eine große Pfütze hinterlassen (Hornisse).
Tiere, die stinken, wenn sie tot sind (das Kleinste von ihnen: rote Stinkwanze)
Dafür, dass es sich um einen Geheimtipp handelte, war es auf dem Friedhof gar nicht so voll.

Zum Nationalfeiertag zündet Carcassonne die mittelalterliche Cité an, es gibt davon bestimmt Bilder auf flickr. Feuerwerk ist auch sowas, das sehe ich mir an und denke die ganze Zeit: Ok, pas mal, aber was muss das für ein Spaß sein, sowas zu MACHEN?
Die meisten liefen zu früh weg, zum Kunstwerk gehört auch, zuzusehen, wie sich der Rauch um die Cité langsam verzieht, die Cité dann auch wieder angestrahlt ist, noch lange hängt die Rauchwolke in der Luft.
Wir bewegen uns auf dünnem Eis, und das bei der Hitze.
Später im Bett arbeite ich weiter an meiner umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit über die Artenvielfalt in meinem Schlafzimmer. Band I: Tiere, die fliegen können. Band II: Tiere, die stechen. Band III: Tiere, die lärmend aus der Papierstehlampe nicht herauskommen.
Gegen viertel nach neun bekommt der Titel des untenstehenden Beitrages eine feine Fortsetzung. Nachdem gestern der Bagger von Marquis S.A.D.E. für die Kanalisationsarbeiten das Bachbett von hier bis zur Voisine innert einer halben Stunde mitsamt der Auwälder unterpflog, sollen heute die Schneisen zum Hausanschluss gebaggert werden.
Während hinten gebaggert wird, wird vorne an der Tür geklopft. Vous comprenez? Parles-vous francais? Un petit peu, oui.
Ob ich weiß, wo das Abflussrohr, das unweit des vorgestern installierten Riesenplanschbeckens in der Wiese verschwindet, seinen Fort- und Ausgang findet. Seinen Ausgang in den Bach. (Der Mann glaubt weiter daran, dass Merde einen feineren Weg nimmt, aber wie soll der Abfluss denn unterscheiden zwischen Duschwasser und dingens?) Während der Bagger sich baggernd dem Haus nähert, stehe ich mit Monsieur S.A.D.E. auf dem Balkon und wälze “peut-etres” und “idées”, eine typische französische Debatte aus Freude am Debattieren, ohne Zielführungsabsicht. Wer könnte was wissen, vielleicht eine Verbindung zur Nachbarin?
Dann Lachen und Nasezuhalten an der Kackbachseite, “on a trouvé” mon merde de matin, pas de problème madame.
Ich hadere kaum noch mit meinem dürftigen Französisch, ich passe mich einerseits dem Süden an, sage “demäng matäng” zu morgen früh und “päng oh räsäng”, wenn ich Rosinenbrot kaufe. Lasse andererseits mit einem Gefühl von discrétion das Geschnatter durch den verschlungenen Kanal zwischen meinen Ohren rauschen.
Ich schlief unselig, lange lag ich wach und frage mich, warum ich statt zu schlafen lieber beobachtete, wie bei jedem Umdrehen mal die linke, mal die rechte Wange mit einem leisen Flatsch auf die Matratze sackte. Dann träumte ich, mein Kind bekäme ein Kind, ich wachte rasch auf und schlief erst später wieder ein, um mich als Gast im Fußballstadion wiederzufinden.
“Merde” - “J’attend dix minutes” - “merdemerdemerde” - “elle n’est pas las” - “merde” - …..
Von Camilles Geschrei erwache ich aus meiner La Ola-Welle.
Fernand, ihr Mann, sitzt am Steuer des kleinen Autos, er sagt nichts. Seit er letzten Sommer die Gartentreppe hinunterfiel, sagt er überhaupt nicht mehr viel. Camille ist mit Anfang 70 viel jünger und rüstiger. Sie schlägt ihn jetzt nur noch selten.
Ich denke: Bestimmt was mit der Katze, was würde sie sonst so aufregen? Aber außer Merde und dass sie auf jemanden wartet seit zehn Minuten, verstehe ich nichts. Fernand versucht, den Wagen zu starten, aber nichts passiert. Jackie, die flotte Freundin vom Ende der Straße eilt herbei, stimmt ein, ihr Part ist versöhnlicher, Camille heult und schreit. Fernand soll aussteigen, das geht ihr viel zu langsam, sie setzt sich selbst ans Steuer, zwischen ihrer Brust und dem Lenkrad klemmt ihre Handtasche.
“Elle arrive”, meldet Jackie nun, hurtigen Schrittes kommt die freundliche Schulbusfahrerin kantapper kantapper die Rue de la Poste herab.
Platztausch, “Elle est la”, nur langsam verebbendes Geschrei, vereinzelte Merdes noch.
Als das Auto um die Ecke ist, beginnt der Kanalisationsbagger sein Tagwerk.
Und dann schickt mir zum Ende des Tages jemand ein Lied in mein persönliches Internet: “Du heulst doch so gerne”.