Glück gehabt
Schon wegen der Katze wollte ich wieder in der Nacht fahren. Den Samstag brauche ich ja auch immer, um das Haus in Ordnung zu bringen, die Bettwäsche noch zu waschen. Auf dem Markt in Revel noch Brot und Käse für Bonn zu kaufen. Offene Quarkpackungen zu leeren.
Mit der Sonne im Rücken fuhren wir an Carcassonne vorbei. Die Kinder beklagten das Gebüsch am Mittelstreifen, gerade da, wo die Aussicht auf die Cité sein sollte. Wir sahen Corbières, wir sahen das Meer, wir hielten zum Pinkeln an, in beliebieger Reihenfolge, zunächst. An der Raststätte streunten Katzen, ich gab der Mitreisenden eine Beruhigungstablette, Tunfisch hinterher. Ging mit der Vier zum Klo, wollte mir noch was zu trinken kaufen, Cola BLAK oder anderen Nachtfahrscheiß. Das Klo war siffig, ich half der Kleinen, dass sie nicht in die Pisse packte. Händewaschen, Vier ans Waschbecken heben. Drei Busse standen vor der Tür, lange Schlange an der Kasse, ach, dann lieber doch nichts kaufen. Dämmerung.
Telemann beruhigt die Katze. Oder ist es die Tablette? Narbonne, Béziers, die Abfahrt nach Millau, heute nicht. Tanken kurz vor Montpellier. Und hier beginnt meine Glückssträhne.
Denn ist es nicht Glück, wenn man die Kreditkarte schon zu Fahrtbeginn herausgelegt hat, für die Péage? Großes Glück, denn so kann man Tanken bezahlen und kommt auch wieder von der Autobahn runter. Großes Glück auch, dass die Kinder sich so gut erinnerten, an welcher Raststätte ich mit Vier pinkeln war. “Das war bevor wir das Meer gesehen haben, fast ganz sicher!”, ah, les Corbières. Glück dann weiter, dass ich auf der Rückfahrt mir doch nochmal die Raststätte Narbonne-Vinassan genauer anschaue. Im Vorbeifahren noch Grübeln, die Kinder: “Nein, SO sah das da nicht aus, das war ganz anders”. An der nächsten Ausfahrt im letzten Moment doch raus und zurück. Das geht ja nur so leicht, weil zwischen der Ausfahrt-Péage und der Auffahrt-Péage immer ein praktischer Kreisverkehr lauert. Zum Zahlen habe ich ja die Kreditkarte. Und was für ein Glück, dass der Laden gerade leer ist, kann ich in Ruhe mit dem Personal radebrechen und die Klos durchsuchen. Auf diesem schwedischen Großrollenhalter hatte ich das Poertefeuille zuletzt gesehen. Was für ein Glück, dass ich bei der Voisine mongoliere vor der Abfahrt noch ordentlich meine Schulden bezahlt hatte. So war nicht mehr ganz so viel Bares drin.
Inzwischen hat in Anderswo F schon an der Raststätte Corbières angerufen. Die haben nichts gefunden, aber wie sollten sie auch, da war ich ja gar nicht. Die Katze hat die Beruhigungstablette wohl in der Backentasche aufbewahrt, jedenfalls lässt die Wirkung rasch nach. Die Kinder finden es unangemessen, dass ich so oft Scheiße sage. Auf der Rückfahrt nach Anderswo rufe ich mehrere befreundete Verwandte an, die mir beim Kartensperren helfen. Drei EC-Karten, eine Kreditkarte und die Bankkarte von der Banque Populaire. Was für ein Glück, dass ich sowieso eine CB beantragen wollte nächste Woche. Die Cité ist angestrahlt, so sieht sie sowieso am besten aus, und das Gebüsch am Randstreifen hat große Lücken. Nochmal Glück, dass der überraschend personalfreie Nachtschalter an der Ausfahrt Bram meine Karte akzeptiert. Und dass das Auto erst jetzt nach Katzenpisse riecht, wo wir fast wieder da sind.
Die Katze war am nächsten Tag viel ruhiger, sie reagiert - drogenfrei - sehr positiv auf Telemann. Ausgeschlafen fuhr ich der Sonne entgegen. Als es mich blitzte, hatte ich die Sonnenbrille auf. Heute Führerscheinstelle (dringend, brauche am Samstag anderswo einen Mietwagen), Sparkasse, Portemonnaie kaufen. Das größte Problem war sowieso der Vier Kinderausweis. Und den fand ich zum Glück doch noch zu Hause im Schreibtisch.
Die Karten sind vor der Sperrung nicht benutzt worden. Neuer plus (direkt zum Mitnehmen) internationaler Führerschein 49,50 Euro, neues Portemonnaie 29,95 Euro. 400 zusätzliche Kilometer.
Das war es mir wert.
Ich mach das jetzt immer so: Aufräumen, Packen, Verabschieden, in Anderswo in frisch bezogenen Betten übernachten und am nächsten Tag die restlichen 1200 Kilometer fahren.
Stichwort: anderswoKategorie: anderswo

am 16. Oktober 2006 um 16:55 Uhr | #
Deine Reiseschilderungen mit all ihren Ab- und Umwegen hinterlassen immer ein Gefühl der Atemlosigkeit. Was für ein Glück, dass du Glück noch sehen kannst!
(Hab gestern Tatort gesehen: die anfänglichen Testosteronmuskelspiele gingen ziemlich schnell in eine Stimmung von “das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft” über)
am 16. Oktober 2006 um 19:19 Uhr | #
REPLY:
wegen Stau ab Mayen (die letzte Stunde dauerte zwei), kam ich mit hängender Zunge zum Tatort, erwischte ein paar Freunde in flagranti in meinem eigenen Wohnzimmer, war aber zwischen gucken und raten mit den Kindern und den Katzen beschäftigt. “Warum gucken die sich nicht die Apothekergattin mal genauer an?”, fragte ich, sobald ich von deren Existenz erfuhr.
Ein paar Sätze zum Tatort sollen folgen, erster Eindruck: Es bleibt betulich in Saarbrücken.
am 16. Oktober 2006 um 19:30 Uhr | #
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War zwar Schmuckhändlerin ;-), aber nichtsdestotrotz gleich zu identifizieren als DIE. Und der Rockmusiker: ziemlich lasch!
Für mich hat ja schon die Sprache was sehr Betuliches.
am 16. Oktober 2006 um 21:39 Uhr | #
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Oups. Wusste ich doch.
Ich muss eine Juwelier-Apotheker-Schwäche haben.