Tatort #662: Engel der Nacht (SWR) – Jetzt aber!

Die schönste Szene kommt gleich zu Beginn, als das kleine weiße Kaninchen in der blutroten Blutlache herumhoppelt. Frohe Ostern!

Danach hätte ich vielleicht lieber abschalten sollen. Denn als der kleine Junge das Meerschweinchen an die Schlange verfüttert, schwenkt die Kamera vor der Verspeisung aus dem Terrarium heraus, weil der kleine Junge dann mit albernem Kopfnicken einen Leguan hypnotisiert. Klara Blum wird das alberne Kopfnicken später zur peinlichen Vollendung führen, später, als sie sich den Rest des Tatorts als Kinderpsychologin betätigt.

Um 20.25 Uhr notiere ich: Die blonde Frau war’s. Das ist die Nachbarin, die seit 15 Jahren im Haushalt der Tierhandlungsfamilie geholfen hat und eben gekündigt wurde. Die hat so was Irres. Da die Ehefrau seit einem Jahr tot ist (Bauchspeicheldrüsenkrepps, Klara Blum: “Besonders heimtückisch” – kann die auch fließend Pschyremblisch?) und als Mörderin nicht in Betracht kommt, rückt die Nachbarin (bestimmt verliebt) natürlich nach.

F. prangert an, dass es für den Auftritt der Ratte “Daphne” KEINEN VERNÜNFTIGEN GRUND gibt. Natürlich gibt es für kein Tier dort einen vernünftigen Grund, außer vielleicht – aber hier greife ich vor – für das niedliche Gürteltier, das so possierlich über die regennasse Straße spaziert. Aber das ist wohl eine Frage der Tiersympathie. Ich finde ja Krokodile am gruseligsten, aber in diesem Tatort tritt nur ein kleiner Alligator auf, der geht.

Statt nun um 20.30 Uhr die Hände der Nachbarin auf Schmauchspuren zu untersuchen, entführt Klara Blum den unschuldigen kleinen Jungen, belästigt ihn mit ihrer langweiligen Lebensgeschichte (ein schlichtes “keine Lust” hätte auf dessen Frage “warum hast Du keine Kinder” sicher genügt) und wundert sich, dass der Kleine so “verstört” ist. Nun ja, dafür, dass er gerade seinen Vater verloren hat, ist er ziemlich überhaupt nicht verstört, er schafft es nämlich, der doofen Klara noch zwei, drei Mal zu entkommen.

Im Supermarkt klaut der Junge 15 Kilo Fleisch, wird erwischt, schon ist Mama Blum wieder da, kauft das Fleisch, und dann – widerlichste Szene überhaupt – presst sie das unschuldige Kind an ihrer üppige Brust, während die Kamera vier, fünf Mal zu schwülstiger Musik um das Grauen herumradelt. Dann kauft sie das Fleisch und kocht Gulasch und Spätzle.

Nachbarin: “Im Kinderunterschätzen sind sie gut”. Da wird ständig in Anwesenheit des Jungen über den Jungen geredet, als sei er doof und taub usw. Ach, ich vergaß: Der SCHALAFWANDELT, deshalb entscheidet Klara mal eben, ihn hypnotisieren zu lassen. Von einem Professor Peter Prügelpeitsch Bubi Teichner. Dazu muss dann auch noch ein flackerndes Kaminfeuer und ein pendelndes Goldkettchen her. Und Zack plaudert der Kleine, dass er einen Engel gesehen hat.

Der Bruder hat Schulden, der Nachbarehemann gesteht, in einem verfallenen Schloss im Lorettapark wohnen noch weitere possierliche Tier, der Ausländer ist Böse (Goran Simonocic) und lässt Klara mit Kabelbindern an einen Stuhl fesseln und ein paar in die Fresse hauen. Bei Vollmund natürlich, man erspart uns nichts. Geschieht ihr Recht, möchte ich sagen.

Seit 20.35 Uhr warte ich übrigens auf den Ausspruch des Wortes “Artenschutzabkommen”.

21:03 Uhr Zwischenstand:

Drei Verdächtige:
Die blonde Nachbarin
Ihr Mann
Des Knaben spielüberschuldeter Bruder, der am Tatort war

Bewertung:
Nachbarmann ist redlicher Busfahrer. Der war’s nicht, wär zu einfach.
Bruder: Zu einfach, schließlich war er am Tatort.
Also wirklich die blonde Nachbarin. Und noch 42 Minuten vor uns.

Assistent Perlmann, eine Lichtgestalt, spricht gegen 21:10 Uhr den wichtigsten Satz: “Die ham doch alle einen an der Waffel.”

Wir haben hier noch vor uns:
“Hallo Löwe, hallo Schimpanse” – all die süßen kleinen Zootiere in dem verfallenen Schloss.
Perlmann will Klaras “befreundete Kinderpsychologin” für sich gewinnen.
Verfolgungsjagd: Vorne Klara mit Prügelpeitsch, dahinter der böse Ausländer im bösen schwarzen Auto
Kleiner Junge haut zu seinem mittelbösen Bruder ab, der wollte aber nur die Tiere verkaufen.

Showdown im verfallenen Schloss: Böser Ausländer, mittelböser Bruder, lieber kleiner Junge suchen die Tiere im Schloss, keine mehr da, dafür Klara und Konsorten, die Tiere hat Klara schon selber in den Züricher Zoo gebracht, dramatische Kameraschwenks, dramatische Musik, Brüder liegen sich in den Armen “Ich hab viel Scheiß gebaut, aber dafür steh ich gerade, und dann kümmer ich mich um dich.”

Aber Scheiße, es ist ja erst 21.36 Uhr und der Mord muss noch aufgeklärt werden.

Na, klar, war’s die blonde Nachbarin.

Und erst um 21.42 Uhr sagt jemand “Woschingtonner Artenschutzabkommen.”

F: “Glotzen, Kotzen, Aus.”

Immerhin ist Daphne am Ende tot.

(Ausführliche Mängelliste hier im taz-Blog)

Kategorie: Tatort 5 Kommentare »

5 Reaktionen zu “Tatort #662: Engel der Nacht (SWR) – Jetzt aber!”

  1. takariko (anonym)

    Glück für Frau Blum, dass es nicht der Knabe von Letztens war, blick- und luftdichte Decke drüber und tschüss.

  2. sopran

    REPLY:
    Ich dachte schon in der ersten Minute: Bitte, nicht wieder das Kind! Aber da war Blum noch einigermaßen clever: Als erstes ließ sie den Jungen auf Schmauchspuren untersuchen.

    Erst dann fingen die Mutter-Hormone in ihr ihr perfides Spiel an.

    (Takariko, ich habe den Preis für 18.01 Uhr noch nicht vergessen.)

  3. croco (anonym)

    Aus naheliegenden Gründen freue ich mich immer über Auftritte exotischer Tiere, speziell wenn es sich um Krokodile handelt.Aber das war eindeutig überzogen, obwol dieses haarige Gürteltier natürlich der Renner war.
    Warum aber der Schimpanse in seinem überaus sauberen Käfig interesse am Gefrieschnitzel haben sollte? Rätselhaft! Wasser hatten die Tiere auch nicht, übrigens.
    Um die Tatwaffe hat sich immer noch keiner gekümmert, nachdem sie runtergefallen war.Wenn der die wirklich in den Bodensee geworfen hat, hätte man doch ein bißchen tauchen können.
    Und warum sind plötzlich alles Straßen um Konstanz herum Feldwege? Und die Autos immer frisch geputzt und von höchste Qualtät? Naja, die muss man halt nach den Dreharbeiten wieder an Daimler zurückgeben.
    Am coolsten war tatsächlich der Junge ob des ganzen Unglücks, das ihn umgab. Man könnte denken, dass das eh nur ein Schaupieler ist, sonst wär der doch richtig durch den Wind….

  4. Helmut (anonym)

    das Gürteltier war auch bei uns der eindeutige Favorit. Sonst war die Story ziemlich haarsträubend.
    Sehr nett auch das Detail mit der Schlagzeile um die Sichtung der Riesenschlange auf der Titelseite der Zeitung.

  5. takariko (anonym)

    Der taz-Mängelliste wäre lediglich hinzuzufügen, dass Kind Manuel völlig unglaubwürdig “odenthalesk” stundenlang von einem Ende der Stadt zum anderen rennt, in einem Tempo, das höchstens über 150 Meter durchzuhalten ist. Schildkröte totgeschüttelt


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