Open Mike 2008, 1. Tag

Open Mike, 2. Tag

Gegen 14 Uhr komme ich an, Garderobe, Pressemappe, noch einen Stuhl bekommen, die üblichen Begrüßungsreden. Die Jury sitzt gut sichtbar herum, warum eigentlich? Beraten nämlich wird im Geheimen, wozu dann der Präsentierteller?
Jury
Die 22 Viertelstundentexte wurden von sechs Lektoren anonym ausgewählt, jeder Lektor hatte ca. 100 Texte durchzusehen. Wird das zufällig verteilt? Hätte ein Autor bei einem anderen Lektor größere Chancen, eingeladen zu werden? Sind in Klagenfurt die Chancen größer, weil man seinen Text an jeden Juror schicken kann? Nein, denn die Juroren in Klagenfurt müssen ihren Kandidaten ja nicht aus den Einsendungen wählen.

Die Gedichte wurden alle von Reto Ziegler ausgesucht.

Die Texte liegen seit vorgestern als Buch vor, ich kaufe eines an der Garderobe.

Jury: Thomas Glavinic, Feridun Zaimoglu, Monika Rinck – warum nur Schriftsteller, keine Kritiker? Warum nur drei? Wie sollen die eine ordentliche Mehrheit hinkriegen und dabei höflich bleiben? Ich wittere Minimalkonsensentscheidungen.

1. Johann Reißer (ausgewählt von Reto Ziegler)

Johann Reißer

geb. 1979, liest Gedichte. Nicht mein Bereich, aber er unterhält mich.

Er liest seine Texte etwas anders als abgedruckt, Abtippfehler oder Überarbeitungen? Immer Verbesserungen. Er ploppt auch Fisches-Nachtgesang-mäßig ins Mikrofon, und das hört sich schön an. Er liest über die Zeilen hinweg in Sinnzusammenhängen. Ich habe in der Schule früher die Gedichte auch immer so vorgelesen.

2. Sonia Petner (Katja Sämann)

Sonia Petner

„Zitronen“

Katja Sämann hat die Hände in den hinteren Hosentaschen, als sie Sonia Petner vorstellt. Die kommt aus Polen, liest angenehm, eine Kindergeschichte, elternlose Zigeunerkinder. Erst spät erfahre ich, dass der Ich-Erzähler ein Junge ist. Einer heißt Radek, die anderen Figuren haben keine Namen. Eine sehr dicke Schwester, ein Bruder, der im Wald Feuerholz holt. Der Vater ist gaga, die Großmutter weg:

Als sie stirbt, begraben wir sie unter dem Schnee im Garten. Der Boden ist hart. Sie liegt nicht tief.

Am Ende stirbt auch noch die Mutter. Dafür taucht die Großmutter wieder auf:

Als es Frühling wurde, kam die Großmutter unter dem Schnee hervor. Sie war grün und ganz klein, sie war geschrumpft wie beim falschen Waschgang. Die Hühner entdeckten sie zuerst.

Viel Schönes. Aber nicht zum ersten Mal gehört.

3. Philip Maroldt (Reto Ziegler)

Philipp Maroldt

Philipp Maroldt hat Gegenstände dabei. Latex-Handschuhe, die er geräuschvoll unter dem Tisch anzieht. Ein Tonverfremdungsgerät, in das er hineinspricht. Er holt die Gegenstände aus einer schwarzen Mappe, die er vor sich auf den Tisch gelegt hat. Er macht sehr anstrengende Pausen zwischen den Zeilen, satzbaufremde Pausen. Ich zucke immer zusammen bei diesen Pausen und mag sein Gelese deshalb nicht.

Lyrik, nicht mein Gebiet.

Service: Philipp Maroldt bei Myspace

4. Nina Bussmann (Dagmar Fretter)

Nina Bussmann

Nina Bussmann liest „Herr Paul“, so haben wir schon im 2. Text die zwei aktuellen Themen abgehakt: Kinder und Greise.

1. Satz:

Herr Paul geht und denkt, wie es wäre, zu gehen.

letzter Satz:

Spätestens zu diesem Zeitpunkt, damit rechnet und darauf hofft Herr Paul, müsste dem aufmerksamen Betrachter gleich beim Betreten des Treppenhauses auffallen, dass etwas nicht stimmt.

Dazwischen: Der alte Herr Paul, der sich sehr behende bewegt, geht einkaufen und denkt darüber nach, seine pflegebedürftige Frau in der Wohnung allein zu lassen. Dann geht er wieder nach Hause und füttert sie.

„Du kannst ja gar nicht genug bekommen, du bist ja ganz unersättlich,“ lacht Herr Paul.

Überzeugte mich nicht. Dass die Frau, die kaum Schlucken und kauen kann, so viel in so kurzer Zeit redet. Zum Beispiel. Rollenprosa. Zu jung?

5. Lino Wirag (Reto Ziegler)

Lino Wirag

alphabet

So ein Lustiger ist das. Lyrik, nicht mein…

„enthält so einige eher lautliche Gedichtchen“, kündigt er off text dem Publikum an.

es hustet puff ein husten kracht kabumm

Service: Lino Wirags eigene Internetseite

Publikum bei der Lesung von Lino Wirag
Publikum

6. Martin Fritz (Jo Lendle)

Martin Fritz

Mein Lieblings bisher, ich bin inzwischen mit possierlichen Nagetieren leicht zu kriegen. Trotz Kleinschreibung. Bei Bekloppten-Texten mache ich mit Kleinschreibung eine Ausnahme. Vor allem in solchen, in denen (nach „ich“ wahrscheinlich) das meistbenutzte Wort „eichhörnchen“ oder „eichkätzchen“ ist.

1. zwei Sätze:

ich kaufe mir ein freunde-album. auf dem cover sitzt ein rosa eichhörnchen auf einem regenbogen.

letzter Satz:

gegen 22 uhr zerstreut sich unsere kleine runde

(Der Eichhörnchen-Stammtisch nämlich)

Auch schön:

mein lieblingseichkätzchen hat sich den kopf geschoren und die unter der kopfhaut liegenden hirnareale beschriftet.

Könnte mir bitte schnell mal jemand sagen, welcher Film das war? Es fällt mir gerade nicht ein.

Dazu Worte wie:

moebiusschleife, gregilan (die weißen Klümpchen morgens in den Augen, „zumindest in äh Österreich“, erklärt der Autor dem Publikum, kein ernstzunehmender Google-Treffer), zirbenschänder (nur ein einziger Google-Treffer) und sciurinophobie (kein Google-Treffer).

Dass er in der Anstalt wohnt, verrät er erst auf der letzten Seite:

leise schließe ich die tür zum hobbyzimmer. ich gehe ein letztes mal durch die langen schmucklosen gänge des westflügels. es gibt immer viel zu tun.

Mein Favorit bisher. Ach, ich bin so leicht zu kriegen!

Service: Weblog von Martin Fritz

Jo Lendle
Jo Lendle

7. Svealena Kutschke (Julia Graf)

Svealena Kutschke

Svealena Kutschke hat den Helm von Ilma Rakusa geliehen und liest „Rückspiegel“, eine sehr konstruierte Geschichte, die immerhin eine Handlung hat.

1. Satz:

Wenn ich lange schweige, weiß Jan nicht mehr, wo ich bin.

(Das allerdings ist ziemlich gut, immerhin erfährt man sofort, dass dieser Jan blind ist und sie gemein.)

Letzter Satz:

„Ich sehe dich nicht“, sagt Jan. „Aber ich weiß, du bist da.“

Mona sitzt in der neuen Wohnung, ihr Freund, der Pianist Jan ist noch im Krankenhaus. Der ist nach einem Unfall blind, den sie verursacht hat, weil sie ins Lenkrad gegriffen hat. Das tat sie, weil er, nach Katzenüberfahrung, nicht umdrehen wollte. Sie besucht ihn nicht im Krankenhaus, und als er nach Hause kommt, lässt sie alles schön verkommen und ihn immer gegen die Kartons laufen. Ich erzähl das so von hinten, weil sie es so von hinten erzählt.

Ach, ich weiß nicht. Nicht so mein Dings. Irgendwie kunstfertig, aber ich kann diese Leute einfach nicht leiden. (So. Meinungsverweigerung jetzt. Es ist schon nach zehn, ich muss mir noch etwas zu essen jagen da draußen in der großen Stadt, vorher aber hier noch zu jedem etwas schreiben. Da kann ich nicht jedem gerecht werden. Sondern: keinem.)

Julia Graf
Julia Graf

8. Milo Pablo Momm (Reto Ziegler)

Milo Pablo Momm

13 Gedichte

Ich habe nicht hingehört. Zu wenig Kaffee, zu langes Prassnik am Vorabend. Verzeihung.

9. Anne Köhler (Julia Graf)

Anne Köhler

Anne Köhler berichtet aus der Küche eines feinen Restaurants. Aber warum nur?

„…zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche!“ (Marcel Reich-Ranicki)

Nach zweieinhalb Seiten erfahre ich, dass die Ich-Erzählerin eine Frau ist. Zu spät, finde ich. Außerdem denkt und beobachtet sie vermutlich so wie die Autorin denkt und beobachtet, hammermäßig autorinnenmäßig eben. Kinder zum Beispiel, die ihr Gesicht im Wasser spiegeln, dann: Hand rein und Wasser in Scherben. Finde ich eher nicht so köchinnenmäßig, obwohl: Warum sollen nicht auch Köchinnen mal so autorinnenmäßig drauf sein? Sind doch alles Vorurteile.

Rollenprosa nehme ich gerne. Dann aber lieber richtig. Bunnyargument: Man müsste halt das ganze Buch kennen.

Frage noch: Wird in deutschen Restaurants eigentlich Gänsestopfleber serviert? (Antwort: Ja).

10. Kai Wiegandt (Katja Sämann)

Kai Wiegandt

09-16-2000

Guter Titel, eigentlich, ich unterstellte erst, es müsse 2000-09-16 heißen, weil ich dachte: Dateiname wohl, aber dann handelte es sich um die eingeblendete Zahl auf einem Videofilm. Kassette. Mit „Sopranos“ aufzumachen, ist natürlich billiges phishing for Zugehörigkeitsgefühl beim Leser. Namen: Kiesewetter (der Protagonist, personal erzählt), Dora (Freundin) und Georg (Ex der Freundin). Warum hat der Protagonist keinen Vornamen?

1. Satz:

Heimischwerden war ein Löschen fremder Spuren, ein Berühren der Dinge mit Handgriffen, die Besitz meinen, ein Umgang mit ihnen, der ihre Oberfläche nicht abschabte, sondern sie mit einer neuen Schicht überzog.

Letzter Satz:

Dass man das Zimmer, in dem sie miteinander schliefen, abschließen konnte, hatte er nicht gewusst.

Dazwischen: Wörtliche Rede aus dem schlecht programmierten Dialogomaten. „Ich weiß nicht“, sagte sie, „Manchmal hab ich das Gefühl, ich weiß überhaupt nichts über dich.“ oder „Was ist denn los mit dir?“ Sie beugte sich zu ihm herab. „Jetzt sag doch was.“

Ich finde das alles etwas blutleer.

Katja Sämann
Katja Sämann

11. Matthias Senkel (Reto Ziegler)

Matthias Senkel

…ist vermutlich kürzlich Vater geworden. Ich mag den Titel „Ich kauf dir’n Piepmatz weil ich die Schallplatten mitnehme“, aber der Titel würde mir schon reichen, mehr Informationen enthält das Gedicht dann nicht. Anderen Titel nehmen vielleich. In „Lusan sagt“ wird aus dem elterlichen Schlafzimmer vom Säugling im Kinderzimmer berichtet.

aber jetzt klebt Kindspech an deinem leben

Ja, ist schon ein Einschnitt für Beziehung, Sex und so, wenn so ein Kind da ist. Immer eine RIESEN GESCHICHTE.

Lyrik, nicht mein Gebiet.

Reto Ziegler
Reto Ziegler

12. Julia Powalla (Ursula Baumhauer)

Julia Powalla

Julia Powalla liest im Stehen die Geschichte „Henni“.

Henni ist der behinderte erwachsene Bruder der Ich-Erzählerin. Die ist Schülerin und heute zum ersten Mal mit ihrem Schwarm Paul zum See verabredet. Der hat selber angeboten, dass sie den Henni mitnehmen. Gehen zum See, dann kommen andere Halbwüchsige dazu, Mädchen und Jungen, und am Ende quälen sie natürlich das arme Mädchen. Die Entwicklung kann ich nicht nachvollziehen. Paul: Macht erst Mätzchen mit Henni, dann 180 Grad-Wende. Ebenso Jannik. Da fehlen ein paar Schritte. Oder der Schritt ist einfach viel zu groß.

Morgen um 12 Uhr geht es weiter. Bericht dann erst spät spät spät. Ich muss noch vor der Preisverkündung los zum Heimflug.

Main Favorit: Martin Fritz. Sonia Petner vielleicht. Lyrik? Unterhielt mich Johann Reißer am besten, aber wie gesagt.

Erstes Fazit: Schlimmer als in Klagenfurt ist es auch nicht. Aber bei weitem nicht so schön. Worüber soll man denn reden in der Pause, wenn einem nur die eigene Meinung zur Verfügung steht?

5 Gedanken zu „Open Mike 2008, 1. Tag

  1. Alois Permaneder

    Vielen Dank für die Einschätzung der Lage, da fragt man sich bei dem ein oder anderem Gedankenbrei schon, ob es nicht interessantere Texte (aus immerhin circa 600) auszuwählen gab.

  2. Pingback: Mek Wito - Was für ein Zirkus… » [16. OpenMike]

  3. Pingback: “Preissegen” ? - Vom pittoresken Preisregen auf aride Zonen exzeptioneller Textproduktion at in|ad|ae|qu|at

  4. mauszfabrick

    das von philip maroldt verwendete gerät war ein einfaches altmodisches tonbandgerät, mit dem er vorher mit dem computer generierte sprach- und sonstige tonsamples abspielte. aber sonst sehr schöne (u. für mich schmeichelhafte) eindrücke.

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