Open Mike 2008, 2. Tag

Open Mike, 1. Tag

Gestern Abend dann hungerhalber nochmal rausgemusst. Was ein Hotelportier wissen muss: Wo der nächste Geldautomat ist. Ich entscheide anders als gestern für das Hotelfrühstück, es ist ja auch noch früh, erst zehn. Ein bisschen Klagenfurt-Feeling kommt auf, als ich beim Frühstück im Hotel Reto Ziegler und Markus Orths sehe.

13. Sabine Raml (Dagmar Fretter)

Sabine Raml

“Gute Tage”

Sabine Raml kommt aus dem Ruhrgebiet, und das hört man. Sagt Serviahte, statt Serviette zum Beispiel. Ein leicht aufgeregter Singsang mit mehr Höhen als Tiefen. Sie hat sich was Ordentliches angezogen, das finde ich angemessen. So jung sind die ja auch alle nicht mehr, dass sie sich nicht für so einen großen Auftritt was Anständiges anziehen könnten.

1. Satz

Der Frühling machte melancholisch, dachte ich, als ich neben Hendrik herlief.

letzter Satz:

Gleich ist es vorbei, dachte ich, während ich sanft über Hendriks Rücken strich, gleich ist es vorbei und die Schmerzen sind weg und alles ist ruhig und friedlich.

Dazwischen geht ein älteres Ehepaar (Anfang/Mitte Sechzig) am Sonntagnachmittag um einen See spazieren. Ich-Erzählerin ist die Frau, unglücklich in der Ehe. Am Ende kommen sie zu spät zum Tatort, die Schnitzel brennen an und es zeigt sich, dass da wohl doch noch irgendwas ist.
Text mit Untertonus. Hypoton.

14. Jeannette Hunziker (Jo Lendle)

Jeannette Hunziker

Was ist das Schweizerische, was sie so schweizerisch aussehen lässt?

1. Satz

Es war im April, als ich das Bild von euch beiden geschossen habe, während ein bisschen weiter unten am Fluss Fabiennes Körper aus dem Wasser gezogen wurde.

Letzter Satz

Und wenn du das nächste Mal mit Alain angeln gehen wirst - du warst nicht mehr angeln, seit ihr im Frühlung König getroffen habt und ich euch zusammen fotografiert habe - werden sich braun schlierige Blütenfetzen an deinen Haken hängen.

Dazwischen:
Beziehungsgeschichten, seltsame. Ich hätte gerne etwas mehr über diese Fabienne erfahren, aber das war in dem Ausschnitt nicht mehr drin. Geschichte mit Suspense, was ist heimliche Beobachtung, was Phantasie? Der ich-erzählende Fotograf kann nicht alles wissen, was er erzählt, weil es sich in geschlossenen Räumen unter seiner Abwesenheit zuträgt.

15. Stephanie Gleißner (Katja Sämann)

Stephanie Gleißner

las aus ihrem Roman “Hinterland”, an dem sie schon eine Weile arbeitet, und wenn alles so schön ist wie der Ausschnitt, den sie vorlas, dann hoffe ich sehr, dass das Buch mal fertig und gedruckt wird.

1. Satz

Agnes Binder rupft im Hinterland Grashalme. Zum Kittel mit den vogelwilden Farben pulen geschwollene Finger in den Pflasterritzen, scheuchen Ameisen auf, jagen Würmer

(okay, waren zwei Sätze, und “vogelwilde Farben”, nuja, aber egal.)

Letzter Satz

Nur zögerlich stimme ich in ihr Lachen ein.

Dazwischen beobachtet die Ich-Erzählerin “Annemut” die Leute in ihrer südlichen Kleinstadt, zusammen mit Freunden und Freundinnen, und das ist, finde ich sehr fein und bunt und mit Humor gemacht. Sowas halt:

Sie war meine Freundin damals, zog mich drei Stufen hinunter in die Bäckerei Gast, von den anderen weg, woe sie noch immer wie zu Grundschulzeiten zwei Schlümpfe, drei Erdbeeren, drei Kirschen und vier saure Zungen kaufte. Wir schlenderten gemeinsam durchs Gries, pulten schmatzend und schnalzend zwei Schlümpfe, drei Erdbeeren, drei Kirschen und vier saure Zungen aus unseren Zähnen, und Lena legte mir den Arm auf die Schultern.

Äh, ja. Weiß jetzt auch nicht mehr, warum mir das. Aber es gefiel mir, krause 15-jährige Gedanken beschreibt sie.

(Jetzt hat mich Mek Wito verunsichert: Bin ich vielleicht doch nur dem putzigen Akzent erlegen, der so gut zum Text passt? Das kaum vorhandene R? Was ist das überhaupt? Sie ist jedenfalls in Garmisch geboren. Aber so ein richtiges Bayrisch war das nicht.)

Katja Sämann hat heute ihre Haare aus dem Gesicht geklammert, vielleicht hat der Fotograf sie darum gebeten. Ich hätte sie fast nicht erkannt.
Katja Sämann

16. Franziska Oehme (Reto Ziegler)

Franziska Oehme
Las ihre lyrische Prosa epische Lyrik so bedeutungsschwanger zerhackt, dass ich nicht folgen konnte und in der Zeit einen Kaffe trinken ging. Eines Tages werde ich den Text dann mal lesen, und ihr so Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Apropos Gerechtigkeit widerfahren lassen: Dass nach der Lesung die drei Autoren, die über die Preise entscheiden sollen, sich für eine knappe Dreiviertelstunde zurückziehen und geheim beraten, ist doch ein starker Nachteil gegenüber Klagenfurt. Wenn sich mit jedem Text sieben bis 20 Leute eine halbe Stunde öffentlich auseinandersetzen, dann erhält zumindest jeder Autor seine Aufmerksamkeit. Auch die Zuhörer beschäftigten sich ja über diese halbe Stunde weiter mit dem Text. Und können anderer Meinung sein als die Jury.

17. Florian Wiesner (Julia Graf)

Florian Wiesner

15 Minuten

Anfang

“in the future everyone will be famous for 15 minutes.” Andy Warhol, Ruhm, 15 Minuten, 1968 und heute, 40 Jahre später zeichnen wir unser ganzes Leben auf. Stellen es ins Netz

Letzter Satz

Je ne regrette rien ne va plus.

Sehr schnell, modern, assoziativ. War das er, der in einem Radiointerview sagte, er habe den Text so runtergeschrieben? Nein, war er nicht. Erinnerte mich an Jörg Albrecht, man sucht so verzweifelt den Inhalt zwischen den Geräuschen, Zitaten, Wortspielen. Bei Albrecht war aber mehr zu finden und sehr viel weniger Wortspielhölle. Nönö. Nur modern sein wollen reicht auch nicht. Hier: Web 2.0, Sprichwortschändung.

Ah, hier ist das Radiointerview: “… es geht um Vergänglichkeit, es geht um Liebe…”

18. Johanna Wack (Ursula Baumhauer)

Johanna Wack

Punkte

Anfang

“Ich erschieße einfach alle”, sage ich. “Erst die ganzen Arschlöcher und dann mich selbst.” Ich brenne mit meiner Zigarette ein Loch in meinen Unterarm.

Letzter Satz:

Ich trete auf das Laub am Boden und gehe in den nächsten Abschnitt.

Dazwischen: Konkurrenz in der Borderline-Klapse. Wer die meisten Punkte in der Borderline-Wertung hat, ist Bestimmer. Sehr angenehm, witzig, böse, abgründig. Gute Frau bestimmt. Lesebühnenkarriere. Kam beim Publikum zu Recht sehr gut an. Eine Borderline-Geschichte aus der Anstalt. Schlicht aufgebaut, aber sehr wirkungsvoll. Hätte bei der Automatischen Literaturkritik den sehr selten zu vergebenden Alison-Bechdel-Punkt erhalten. Bekam den Preis der taz-Leser-Jury. Wieso das da immer Publikumspreis genannt wurde? Mir fällt kein Grund ein, aus eine Leser-Jury einer Schreiber-Jury unterlegen wäre. Eher im Gegenteil.

Service: Johanna Wacks eigene Internetseite

19. Alexander Langer (Jo Lendle)

Alexander Langer
Zur Vorstellung erzählt Jo Lendle einen vom Google-Earth-Mann, der morgens durch “eine mittelgroße westdeutsche Stadt” streift und Straßenzüge fotografiert, während er selber am Cafétisch sitzt und sich durch Texte quält. Kennt Jo Lendle “Das Robinson-Projekt” von Rainald Grebe? Wie der Robinson auf der Insel nach dem Mann von Google-Earth schreit?

Alexander Langer ist aus dem Allgäu, aber seine Eltern sind bestimmt keine Allgäuer, denn er spricht sehr hochdeutsch und liest einen sehr sehr guten unterhaltsamen Text vor.

Farzner

1. Satz

Früh am Morgen ziehen Krähen die Gummierung zwischen den Fahrbahnplatten mit scharfen Schäbeln aus ihrer Verleimung.

Letzter Satz:

Der doch…

Geschichte vom Dorf. Allgäu. To-tal konstruiert, Besuch-der-alten-Dame-mäßig. Da kommt eine Familie ins Dorf und lässt den versoffenen debilen Opa Farzner da und verspricht dem Dorf sehr, sehr viel Geld, wenn sie ihn bis 75 am Leben erhalten. Über diesen Unsinn muss man einfach hinwegsehen. Der Alte brennt Nacht für Nacht durch in Richtung Kreisstadt, und der Ich-Erzähler und sein Cousin haben die Aufgabe, ihn jeden Morgen wieder einzusammeln.

Die Familie vom alten Farzner, das waren ganz graue, extravagant wirkende Figuren, die Tochter ein einziger trüber Klarinette übender Regentropfen, und so völlig anders waren wir, rotwangige Gesundgesichter, niemals krank, nie verzweifelt , vollzählig und bis auf den letzten ohne Allergie.

“Veganernazis” kommen auch vor. Und während der Ich-Erzähler (übrigens halbwegs unverletzt) mit seinem bremsmanipulierten VW-Bus einen Hang runterfliegt, denkt er:

diesen beruhigenden Gedanken, dass dies eine ganz normale Sache ist und andauernd vorkommt, irgendwo auf der Welt, Peru, Russland, überall, ständig.

Da frage ich mich, ob er neulich diese Zeitungsmeldung gelesen hat über die Gefährlichkeit des Busfahrens in Peru, wie oft da die Busse in die Anden fallen, und dass er ja nicht wissen kann, dass diese Meldung erschien aus dem Anlass, dass da eine junge Deutsche in dem einen Bus in Peru saß, und die hatte ich gekannt. Das finde ich dann gerade nicht so lustig, aber dafür kann er ja nichts. Sonst wäre es lustig gewesen.

Leider kein Preis, aber bestimmt kann Jo Lendle bei DuMont was für ihn tun.

20. Kristine Bilkau (Dagmar Fretter)

Kristina Bilkau
Ist Journalistin. Sie erzählt eine Geschichte, und sie erzählt sie von ganz nah. Anrührend. Das liegt aber auch am Thema. Gute Reportage. Frau (Kassiererin im Supermarkt, Mann Hartz IV) bekommt heimlich im Keller ein Kind und setzt es am Spielplatz.

1. Satz

Die Frau reibt ihren Handrücken gegen die Stirn, reibt gegen die schlaflose Nacht und den schalen Morgen an.

letzter Satz:

Sie ist eine Frau, die glaubt, vergessen zu können, dass ihre Korbtasche neben der Parkbank steht.

Dieser ganze Geburtsvorgang ist ganz gut erzählt.

21. Thien Tran (Reto Ziegler)

Thien Tran
Jetzt kann ich mal wieder damit prahlen, dass ich von Lyrik wirklich überhaupt nichts verstehe, denn den hier fand ich am schlimmsten von allen Lyrikern, und der hat dann den Preis bekommen.

viele meiner Abonnenten
sind unzufrieden. weil ich ihnen immer
meine Probleme mitliefere.

Das kommt mir so 70er vor. Das Wort Bourgeoisie kommt auch vor. Ich bin dafür einfach zu doof.

22. Oliver Kluck (Ursula Baumhauer)

Oliver Kluck
Er hat einen Stoffbeutel dabei. “Der Kandidat war bei den Stralsunder Segelwochen”, sagt die Lektorinvertreterin, die ihn vorstellt, aber er lächelt nicht. Warum nicht? Ich wittere eine Unfähigkeit, über sich selbst zu lachen, und das hat auch nicht nachgelassen.

Sein Text handelt von einem 10-Jährigen, der kurz nach der Wende mit seinen Eltern von West nach Ost zieht. Titel: “Flora, Fauna, Agitat” - also ein Spiel mit der FFH-Richtlinie, der “Flora-Fauna-Habitat”-EU-Richtlinie, die es damals schon gab, wenn auch noch nicht lange. Sie kommt aber bestimmt nicht vor. Es ist nur des Wortspiels wegen, und deshalb muss die Freundin des Jungen Flora heißen. Von dem abgedruckten Text lässt er große Teile weg, obwohl er angekündigt hat: “Ich möchte einige Auszüge lesen, ich fange oben an und gehe weiter bis unten”, fängt er nicht oben an, sondern:

Ich muss zehn oder elf gewesen sein, als ich durch Zufall bemerkt hatte, dass ich wie einer der Eingeborenen aussehe.

Letzter Satz:

Ein konspirativer Ort mit zwei Kammern unter dem Dach, einer Birke vor dem Fenster und Flora, die nicht wie alle anderen sofort nach der Schule in den Westen ging, sondern erst ein Jahr später, als sie einen gewissen Gianni kennen gelernt hatte, der in Wirklichkeit Jan hieß und lange blonde Haare trug, genau wie sie.

Alle vorkommenden Westler sind Abziehbilder. Das wäre ja kein Problem, wenn der Text aus der Sicht eines Ostjungen geschrieben wäre, ist er aber nicht. Sondern von einem Ostjungen (Kluck wurde auf Rügen geboren) aus der Sicht eines Westjungen. Und wo nimmt der Westjunge diese ganze Verachtung für diese Westler her?

(Meine Favoriten heute: Stefanie Gleißner und Alexander Langer. Hunziker gefiel mir glaube ich auch, aber ich erinnere mich nicht mehr.)

Vielen Dank an Mek :

  • Sonia Petner, “Zitronen”
  • Svealena Kutschke, “Rückspiegel”
  • Thien Tran (Lyrik)
  • Johanna Wack “Punkte” (Preis der taz-Publikumsjury)

Das ist schon in Ordnung, nur schade um die schönen Texte mit Humor von Martin Fritz und Alexander Langer.

Wer bildet eigentlich die Jury bei so Klavierwettbewerben? Drei Pianisten?

Ich bin jetzt Jo Lendle-Fan.

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Kategorie: Bachmann 2.0, Buch und Text

4 Reaktionen zu “Open Mike 2008, 2. Tag”

  1. mek

    Zur Preisfrage:
    1. Platz: Sonja Petner
    2. Platz: Svea-Lena Kutschke
    3. Platz: Thien Tran
    Publikumspreis: Johanna Wack

  2. sopran

    Oh danke!
    Das ist befremdlich.
    Da klage nochmal jemand über Klagenfurt.

  3. kopffuessler

    Erstens meinen herzlichen Dank für’s möglich Machen einer Erinnerung der einzelnen Texte und ihrer Autoren! Und ein zustimmendes Nicken in Bezug auf Jo Lendle - überhaupt fand ich, versprühten die männlichen Laudatoren/Lektoren - zumindest am 2. Tag, an dem ich anwesend war - um Welten mehr Charme und Verve als ihre weiblichen Kollegen.

  4. Frau Koschmieder

    Liebe Angela,

    auch wenn ich nicht die gute Fee bin: Dein Wunsch soll in Erfüllung gehn - Stephanie Gleißners Text wird veröffentlicht werden, und zwar bei Aufbau, 2010/2011. Wenn auch nicht unter dem Titel “Hinterland”, denn den haben sich schon KiWi/Zaimoglu für seinen neuen Roman titelschützen lassen…


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