Tough Guy 3
3. February 2009 - 15:12 UhrInzwischen ist die Sonne verschwunden, Wind kommt auf und erste Schneeflocken fallen. Das Krankenwagen-Lalü läuft ununterbrochen, aber auf der Strecke kriegen wir nichts von den Einsätzen mit. Nur dass manche sehr elend aussehen. Mr. Mouse mailt am nächsten Tagen von etlichen Unterkühlten, einem Genickbruch und gebrochenen Beinen.

Die Autoreifentunnel und die Betonröhren will ich verweigern. Das würde übrigens niemanden stören, man geht einfach drumrum und weiter, aber was soll’s, jetzt nicht rumzicken, auch die sind kürzer als gedacht, und ich bin klein und habe genug Platz.
Erstes Frieren auf dem überfüllten “Paradise Walk”, auch so ein Klettergerüst. Es geht langsam voran, man muss sich festhalten, Finger und Zehen werden steif. Ich ziehe die Neopren-Banküberfallmütze an, die war mir bis dahin zu eng am Hals. Zeit, sich ein bisschen umzusehen. Nicht gut. Viel Bibbern um mich her. Es geht mir gut.

“No Dragon Pool, no Death Plunge” ruft der Ordner, der uns direkt zu den “Water Tunnels” umleitet. Schneefall nimmt zu, Wind auch. Der “Dragon Pool” ist ein See, den man auf viel zu schlappen Seilen überqueren soll – empfohlen wird, sich einfach direkt ins Wasser fallen zu lassen. Death Plunge ein Klettergerüst, von dem man aus drei oder vier Meter tief ins Wasser springt. Wahrscheinlich schon zu viele Kälteopfer bis jetzt, oder die Froschmänner, die die Teiche absichern, haben inzwischen die Schnauze voll.
Water Tunnels finden aber statt: Erst durch einen Teich, in dem mir das Wasser schon bis zum Hals steht, dann durch eine Brücke: Vier mal unter einem Balken durchtauchen. Die Männer in den Trockenanzügen sind inzwischen dazu übergegangen, die Leute einfach direkt auf den Steg zu ziehen, aber mir geht es gut, ich habe ja die Banküberfallmütze. Von diesem blauen Trockenanzug da auf dem Steg würde ich auch einen Gebrauchtwagen kaufen, warum ihm also nicht mein Leben anvertrauen? Er reicht mir unter dem Balken die Hand, vier mal, das Wasser ist kalt, ich schmecke Schlamm, aber es tut nicht weh. Dahinter ist es tief, ich schwimme, auch egal. Aber wieso habe ich beim Tauchen den Mund offen gelassen?
F. ist weitergelaufen, Warten geht nicht mehr, meine Startnummer ist immer noch vorhanden und lesbar, Euphorie nimmt nochmal zu, hey, ich bin getaucht. Im Laufen spucke ich Schlamm aus. Unter Stacheldraht einige Meter durch den vergleichsweise warmen Schlamm robben, dann noch über unordentlich gelagerte Autoreifen laufen (was das nun wieder soll?), zuletzt “Anaconda”, ein paar große Betonröhren, die den Weg versperren. Mit dem Bauch draufwerfen und drüberrollen, das geht dank großer Schlammigkeit ganz gut. Zufrieden sehe ich große junge Männer verzweifelt davor herumhopsen. Zuviel vor der Glotze gesessen als Kind?
Ich würde jetzt gerne schneller laufen, es sind nur noch ein paarhundert Meter bis zum Ziel, über ein paar (ratmal: schlammige) Hänge hoch auf den Hügel, aber ich habe ein paar Eiswürfel in jedem Socken. Kann nicht sein, fühlt sich aber so an. Den Starthügel an einem Seil hoch, dann wieder runter und ab in die Scheune.
Ziel. Die Uhr zeigt 3.19. Ich lege notdürftig meine Startnummer frei (inzwischen doch verschlammt), bekomme eine hässliche Medaille und eine Alufolie umgehängt. Folge dem Schild “Hot Drinks” und bekomme von F. einen Becher Kakao in die Hand.

Der beste warme Kakao meines Lebens.
Neben mir versucht ein Mann Tee zu trinken. Er verzittert ihn bis auf den letzten Tropfen. Es geht mir gut. “Sopran hat den 2. Weltkrieg gewonnen”, sagt Aleks später.
Auf dem Weg zum Auto hat Aleks Kathrins Schuhe an, Kathrin die Flip Flops, F. und ich die schlammigen TG-Schuhe. Hat gerade jemand “nächstes Jahr” gesagt?




