Bachmann 09 – Gregor Sander

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Gregor Sander, geboren 1968 in Schwerin, eingeladen von Hildegard E. Keller. Schlosser, Krankenpfleger, Medizin, Geschichte, Journalismus… Wikipedia. Amazon. Lustig, dass ich beim Googlen nach “Gregor Sander” wieder hier im Blog lande: Er ist wohl der Ehemann von Annette Selg, die im vorigen Jahr in Klagenfurt mitgespielt hat.

Videoportrait. L: Berlin. Fährt mit dem Fahrrad ins Büro, das Büro ist über der Eckkneipe “Zum Schönwalder”. Kastendoppelfenster. Macbook. Ein erfreulich dezent gutgelaunter Mensch, der kaum Schlechtes über das Schreiben sagt.

Lese: Abwesend
Anreiz: Ich möchte unbedingt wissen, wer 1974 in Schwerin ein Haus mit Swimmingpool baute.

Ausgelesen, obwohl er nach über der Hälfte immer noch nicht fertig ist mit der Vorstellung seiner Familienmitglieder und allerlei Nebendarsteller. Ich gestehe meine Unlust, über Eltern zu lesen. Leute mit Kindern reden ja angeblich immer über ihre Kinder, schlimm genug, aber passen Sie mal auf: Leute ohne Kinder reden früher oder später immer über ihre Eltern. Wer “nach Hause” sagt, wenn er zu seinen Eltern fährt, ist noch nicht ganz erwachsen.

Plot: Christophs Mutter fährt in Urlaub, und er soll solange im Elternhaus in Schwerin wohnen und nach dem Vater schauen. Der liegt nach Schlaganfall im Wachkoma (oder locked in-Syndrom?) und wird von der Bulgarin gepflegt, die Christoph auch am Ende noch gelegentlich “die Bulgarin” nennt. Christoph (Architekt) ist frisch gekündigt und etwas weniger frisch getrennt von Susanne. Er betrinkt sich am ersten Abend mit der Bulgarin, am zweiten mit seinem Bruder (Alkoholiker) und öffnet am dritten (oder fünften oder 24.) Tag einen Brief an seinen Vater. Fährt daraufhin nach Zürich, um die Absenderin zu treffen, die angeblich eine Tochter vom Vater hat. Lässt sich in der Zeit von Freund Robert in Schwerin vertreten. Trifft die Frau, erfährt, dass die mutmaßliche Halbschwester seit einem Jahr tot ist, fährt wieder nach Schwerin und geht zum ersten Mal ins Zimmer seines Vaters, um ihm von Zürich und sich selbst zu erzählen.

Thema ist der zu distanzierte, “abwesende” Vater sein, der hat sich ins Wachkoma verdrückt und liegt im Schlafzimmer. Der Ich-Erzähler jammert die ganze Zeit rum, dass der Vater nie da war für die Kinder und sich nicht für ihn interessiert hat, aber was er dann erzählt, kommt mir alles ganz normal vor. Der weiß so viel von seinem Vater und hat so viel (auch Nettes) mit ihm erlebt, dass “abwesend” mir ungerecht vorkommt. Ich vergleiche mal mit den üblichen Vätern meiner Generation. Der Erzähler fühlt sich halt organisch benachteiligt. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass der Autor die Kluft zwischen Aussage und erzählter Realität bemerkt. Oder ist nur meine Realität so anders?

Der Autor erzählt eine ganze Menge um die Geschichte herum. Wie das war in der DDR, was er so zu diesem und jenem meint, wie vielerlei Leute er beschreiben kann. Das ist sehr unökonomisch, warum zum Beispiel lerne ich die drei Autos (Porsche, BMW, Volvo Kombi) und alle Unarten seines Ex-Chefs, die Namen seiner Kinder (Hannah und Joel ohne Trema, “weizenblond und sehr niedlich”) und seiner Geliebten (Regine, “eng anliegende rote Lederjacke” oder “kurze echte Pelzjacke”, “zickig”) kennen, wenn das für die Geschichte völlig unwichtig ist? Da folgen auf Hauptsätze drei, vier Nebensätze, als wäre ihm später nach und nach eingefallen, was er dem Leser jetzt doch unbedingt noch kundtun müsste. “Er stand am Ausgang der Hermann-Matern-Straße, benannt nach dem lange verstorbenen Mitglied des Parteibüros, von dem neimand mehr wußte, wofür er irgendwann einmal zuständig gewesen war, aber nach dem in der ganzen DDR wichtige Straßen benannt waren.”

Weil die Geschichte so dahertrödelt habe ich viel Zeit, mich an sprachlichen und sachlichen Ungenauigkeiten zu stören. Kann ja sein, dass es die in dem Krampitz-Buch auch gibt, aber da passiert ja ständig was, kann man nicht auf alles achten. Wieso zum Beispiel bleibt die Plattenbauwohnung der Großmutter in Rostock bis zu deren Tod unverändert, obwohl sie – erfahren wir auf der folgenden Seite – die letzten Jahre ihres Lebens im Heim war. Blieben in der DDR Staatswohnungen leer, wenn die Bewohner ins Staatsheim zogen? Globichnich. Oder das: “Ich ging in das Bootshaus, wo es kein Zeichen meines Bruders mehr gab. Die Bierflaschen standen noch auf dem kleinen Tisch, und sein Schlafsack lag zusammengerollt in der Kajüte der Maria.” (Was für Zeichen meint er denn, wenn nicht die hinterlassenen Sachen?)

Schon wieder der Verdacht, dass hier jemand seine eigene Geschichte erzählen will und nur halbherzig eine darübererfindet, damit es nicht so auffällt Als er nach zwei Dritteln mit der Vorstellung seiner Verwandten und Bekannten so halbwegs fertig aber immer noch nichts passiert ist, kommt ein Brief aus der Schweiz von einem Ex-Verhältnis seines Vaters, es gebe da eine Tochter. Also in die Schweiz fahren, wieder ein paar Leute beschreiben (Bahnhofskneipengäste in aller Ausführlichkeit…). Dieser hinkende französischsprechende Sandler mit dem Einkaufsbeutel ist doch bestimmt auch so eine Allegorie. Schweren Allegorieallergieanfall erlitten. Dann beklagt Christoph-Ich sich bei der Frau ausführlich über seinen Vater (zwei Seiten wörtliche Rede in Fließtext), bis die Frau fragt: “Fällt es dir schwer, über ihn zu reden?” und man sagen möchte: “OFFENSICHTLICH nicht”, aber er sagt: “Ja. Weil man kein richtiges Bild …” (weitere halbe Seite wörtliche Rede).

Wieder zurück nach Schwerin und auch dort ein Ende finden, Freund Robert hat was mit der bulgarischen Pflegerin Kristina, und er selber traut sich endlich in Vaters Zimmer. Die Schwerin-Geschichte würde genügen, mich jedenfalls interessiert so ein sozialistisch-kapitalistisches Leben mitsamt seinen Generationenkonflikten. Da wäre doch auch ohne die Schweizgeschichte genug Stoff gewesen.

Haus und Swimmingpool hat der Vater (Bauingenieur-Dozent in Wismar) selber gebaut.

Ich habe an mir ein ungesundes Pflichtgefühl entdeckt, früh schlecht gefundenes zuende zu lesen, um dem Autor nicht Unrecht zu tun, um tausend Belege zu suchen fürs Schlechtfinden. Leider sehr viele gefunden, aber damit sei’s hier auch gut. Ist ja nur meine bescheidene Meinung. Vielleicht mal was Anderes vom selben Autor lesen? Im Videoportrait fand ich den ganz sympathisch, könnte mir vorstellen, dass es besser geht, wenn er über Dinge schreibt die weniger mit seinen eigenen Erfahrungen zu tun haben.

Aber voll okaye Namen: Christoph, Robert, Gerd, Astrid.

Kategorie: Bachmann '09, Bachmann 2.0 Kommentieren »


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