Bachmann 09 – Jens Petersen

Neu: Interview 

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Jens Petersen, angehender Neurologe aus Pinneberg (*1976), z.Zt. Zürich. Eingeladen von Burkhard Spinnen. Wikipedia. www.jenspetersen.eu. Amazon. Leseprobe. Kein Videoportrait. Videoportrait. Ich würde einen Sonderpunkt vergeben für alle, die sich trauen, einen Windows-Rechner in ihr Videoporträt zu halten. Raten Sie mal, wie viele das sind? Petersen nicht, der hat ein Macbook Air. Fährt mit einem schwarzen Saab-93-Cabrio aus der Klinik auf den Landsitz, nobel. Dabei schnuckelige Scarlatti-Sonate. Keine Brücken, kein Bahnhof, kein Spiegel. Vielleicht kann ich den mal nach meinem neurologischen Problem befragen, macht als Arzt einen guten Eindruck. Bringen Sie Ihren Reflexhammer mit nach Klagenfurt?

Preiskandidat (das sag ich so daher).

Gelesen: Die Haushälterin. Aspekte-Preis, Buchpreisnominierung.

Der Sander/Petersen-Vergleich
Gregor Sander: “abwesend”

  • Autor hat Medizin studiert
  • Schauplatz: Haus am See
  • Vater Bauingenieur/emeritiert
  • Mutter in Urlaub
  • Vater Schlaganfall/Wachkoma
  • Haushälterin aus Bulgarien, hübsch und intelligent
  • nächtliches Treffen im eigenen Bootsschuppen
  • Vater hatte früher mal Sex
  • Ich-Erzähler ist der Sohn
Jens Petersen: “Die Haushälterin”

  • Autor hat Medizin studiert
  • Schauplatz: Haus am Fluss
  • Vater Ingenieur/arbeitslos
  • Mutter tot
  • Vater Suff/Beinbruch
  • Haushälterin aus Polen, hübsch und intelligent
  • nächtliches Treffen im fremden Bootsschuppen
  • Vater hat Sex
  • Ich-Erzähler ist der Sohn

Beim Lesen von Die Haushälterin, einem Buch, vor dem ich mich zu Unrecht gefürchtet habe, fällt mir auf, was mir an “abwesend” noch gefehlt hat. Die Leute riechen nicht, sie tun nichts offensichtlich Peinliches, sie benehmen sich sogar als Alkoholiker nur normal daneben, und dann ist wahrscheinlich auch der Vater schuld. Alle sind sauber und werden dezent behandelt. Zwei mögliche Erklärungen: Sander hat die Figuren nicht durcherfunden, sondern ist nur bis zur Kleidung gekommen. Oder er hat sich an echten Verwandten orientiert, an die er sich aus Dezent nicht herantraut.

Was einen Text interessant macht, ist die Kluft zwischen der Wirklichkeit, die der Erzähler erlebt, und der, die der Leser aus dem Text herauslesen kann. In Gregor Sanders “abwesend” will der Erzähler, dass man seine Einschätzung teilt. Eins zu eins. Dem Leser bleibt wenig Raum, den Erzähler einen Toren zu heißen (auch wenn er das ist). Ganz anders bei Petersen: Abgründe, die Philipp-Ich, der arme Tor, nur ahnen kann.

Der Junge in “Die Haushälterin” ist 16 Jahre alt. Er lebt seit dem Tod der Mutter (Krankheit) vor acht Jahren allein mit seinem saufenden Vater in der geerbten Villa mit geerbten Antiquitäten an der Elbe. Hin und wieder bringt der Vater eine Frau mit.

“Er hatte das Bad belassen, als lebte meine Mutter noch. Ihr Lou Lou von Cacharel, der rosa Kamm auf der Ablage, kleine weiße Handtücher fürs Gesicht. Sogar ein Päckchen Always Ultra lag noch im Schrank über dem Waschbecken – abgepackt 1987, stand auf der Seite zu lesen. Hin und wieder kamen Frauen und benutzten diese Dinge.”

Wir werden dazu gebeten, als der Vater gerade seinen Job (Atomkraftwerke warten) verloren hat und besoffen die Kellertreppe runterfällt. Während er im Krankenhaus ist, stellt der Sohn eine Haushälterin ein, Ada, Anfang 20, natürlich hochgebildet, intelligent und bildhübsch. Eigentlich sucht er einen Mutterersatz. Dem Jungen spielt das Testosteron verrückt, dem Alten dann auch. Das Schöne an dem Buch: Alle sind ganz normale Käuze. Der Vater hat Probleme mit den Zähnen, der Sohn mit allem.

Ich fürchtete mich vor dem Buch, weil ich nach Klappentext glaubte, es wieder mit so einer “abwesend”-Geschichte zu tun zu haben, nur ohne DDR. Abrechnung mit dem Vater. Dann freundete ich mich mit dem Jungen an, den der Autor in gerade so viele Peinlichkeiten hineinbringt, dass er noch seine Würde behält. Und mit seinem Vater, der alles verkehrt macht, es aber doch irgendwie gut meint. Und abgerechnet wird nicht, weil alles in einem 1995er Hier und Jetzt spielt.

“Diese Intarsien”, setzte er an, “diese Servante”, “diese Poudreuse”, “dieser Bauernspiegel”… Vorher erfuhren wir schon: “Jede Volute war voller Bedeutung”, und später wird das wichtigste Möbel die “Chiffonnière” sein. Ich dachte, ich kenn mich ein bisschen aus, als Kind verbrachte ich Sonntag um Sonntag mit meiner Mutter in Rolandseck auf Antiquitätenauktion, aber Poudreuse, Servante, Chiffonière…?

Der Vater macht peinliche Bemerkungen und blöde Witze. Der Sohn will Ada erobern und merkt erst am Ende, dass der Vater da schon weiter gekommen ist. “In diesem Laden hinter dem Bahnhof, den mein Vater “morgenländische Muffelkiste” nannte, kaufte ich einen kleinen Skorpion aus Bronze an einem Lederriemen.” Da muss man sich doch nur mal kurz nach 16 zurückerinnern und weiß schon, wie die beiden drauf sind.

Autor schenkt seinen Figuren nichts, behandelt sie aber trotzdem mit Respekt. Es passiert was (Unfall, Ohrfeigen, Streit, Sex). Es kommen Körperflüssigkeiten, Schimmelpilze und Antiquitäten vor. Am Ende klärt der Sohn sehr geschickt die Situation. Ich sag aber nicht wie. Ende verraten gibt es allenfalls bei Büchern, die ich sowieso niemandem empfehlen würde.

Kategorie: Bachmann '09, Bachmann 2.0 2 Kommentare »

2 Reaktionen zu “Bachmann 09 – Jens Petersen”

  1. Clemens Setz

    Es ist schön, dass du dir in diesem Jahr wieder die Mühe machst, die Bücher aller Teilnehmer zu lesen und kurz vorzustellen. Von Journalisten kann man so etwas ja leider nicht erwarten. Letztes Jahr habe ich selber zu den Bachmann-Teilnehmern gehört und dein Eintrag über mich war – wie ich erst hinterher gemerkt habe – ein gutes Gegenmittel zu allen “delusions of grandeur”, in die man als Wettlesender so verfallen kann.

  2. sopran

    Das ist vornehm ausgedrückt, Danke für die Meldung! Ich wünsche Dir weiter viel Erfolg, von Herzen. Die Frequenzen stehen auf meiner inneren Leseliste, müssen aber noch warten.


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