Bachmann 09 – Ralf Bönt

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Bisher mein Lieblings. Ich muss wohl eine Schwäche für Physiker haben.

Dr. Ralf Bönt, geboren 1963, eingeladen von Meike Feßmann, ist Wiederholer, er las 1998 in Klagenfurt diesen Text und kam damit bei der Jury ganz gut an (3Sat-Stipendium). Autoschlosser, Physiker. Wikipedia. www.ralf-boent.de. Amazon. Vorstellung Bachmannpreis 1998.

Im Vorstellungsfilm sitzt er in einer Galerie und bewegt sich nicht. Keine Hand im Gesicht, keine Spiegel, kein Milchkaffee.

Vorgestern las ich in dem Erzählungsband von Christiane Neudecker und obwohl sie das ganz gut gelöst hat, dachte ich, dass es doch verdammt schwierig sein muss, sich für einen ganzen Erzählungsband Geschichten auszudenken und hatte wenig Lust auf einen weiteren Band mühsam ausgedachter Geschichten. Legte trotzdem Neudecker wieder weg und packte heute morgen Berliner Stille. Erzählungen aus. Ich war ja gegen Bönt schon freundlich voreingenommen wegen der Physik und wegen des Textes, den er früher mal in Klagenfurt gelesen hatte. Und wegen der Hoffnung, dass so ein Naturwissenschaftler auch mit der Sprache exakt umgeht.

Bisher festgstellt (erste vier Erzählungen): Die Erzählperspektive passt immer zum Thema. Sogar dieses seltene personale Du in der zweiten. “Du” ist ein Mann, dessen Sohn, wie wir im letzten Satz erfahren, vor dem türkischen Imbiss vom Lastwagen überfahren wurde. Da ist es wirklich schwer, “ich” zu sagen ohne unterzugehen.

Ich bin noch nicht durch, aber mit der ersten Geschichte “Steine” hat er mein Herz erobert. Da fährt ein sehr junges Paar (zumindest er noch Schüler) zum ersten Mal zusammen in Urlaub, auf Fahrradtour nach Korsika. Und wie scheiße das für beide ist, wenn einer (natürlich sie mit dem Hollandrad) die Berge nicht hochkommt und der andere (er mit Rennrad und dem ganzen Gepäck) immer warten muss, das weiß jeder, der seinem Partner schon mal hinterhergehechelt ist. Prädikat “genauso ist das” – endlich mal ein klares Bild von einem Paarproblem, nicht so ein Frauenzeitschrifts-/ Fernsehserien-Problem. Dieser Moment, in dem einem der Andere plötzlich auf den Wecker fällt, der kommt in anderen Erzählungen auch noch vor. Falsche Erwartungen, enttäuschte Erwartungen – alte, oft gelesene Geschichte, aber gut gemacht.

Ich lese jetzt weiter.

Es folgt viel Unterwegssein, New York (gehört verboten in Büchern, so wie Venedig und vielleicht auch Berlin Mitte), Agypten, Israel, ich wandle auf meinen eigenen Spuren, auch mal im Schneesturm durch Manhatten gelaufen, mit 19 am frühen Morgen auf den Berg im Sinai gestiegen, und in der letzten Geschichte tauchen dann noch Bekannte auf: Der junge Arzt, der in Valparaiso überfallen wird und dann in Santiago nach Geld sucht, der versucht sich an “eine deutsche Nonne” zu wenden , die sei “sehr berühmt und kümmerte sich um Obdachlose und ein Armenviertel von dreihunderttausend Leuten.” Weil Schwester Caroline, der ich 2001 in Santiago begegnet bin, gerade in Kolumbien weilt, werden drei deutsche Zivildienstleistende zu ihm geschickt, die laden ihn zum Bier ein. Denke an Philipp, der damals mein Kontaktmann war, als ich das Chorkonzert in dem Armenviertel organisierte. Warum braucht der Arzt so viel Thyroxin? Das ist ein Schilddrüsenmittel. Vielleicht habe ich ja auch eine Blei-/Nitrat-/Stickoxid-/Quecksilbervergiftung wie der. Wie kriegt man denn sowas?

Noch mehr Physik hätte mir gefallen. Was ist ein rechtshändiges Isospinhintergrundfeld?

In den Reisegeschichten verzettelt er sich. Kaum reicht mal ein Ort, so wird in der Geschichte über eine Bahnfahrt nach Moskau noch eine weitere New-York-Reise und auf verwirrende Weise in die Hinfahrt die Rückfahrt eingebaut. Zu viel unterwegs gewesen, zu viel zu erzählen. Die ersten drei bleiben die besten. Er hat selber in Florenz, München, Genf, New York, Zeuthen bei Berlin geforscht, und die kommen auch alle vor.

Immerhin hat er überall Physik gemacht – ich hoffe nicht, dass er als nächstes seine Lesereisen-Erfahrungen verarbeitet.

Kategorie: Bachmann '09, Bachmann 2.0 Kommentieren »


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