Bachmann 09 – Andreas Schäfer

Kandidatenübersicht

Andreas Schäfer, geboren 1969, Halbgrieche, in Frankfurt aufgewachsen, lebt in Berlin, Journalist. Eingeladen von Alain Claude Sulzer. Amazon. Sitzt im Videoporträt vor einem Berliner Café, ausgetrunkene Latte Macchiato vor sich, erzählt. Normal. Ich kann gar nicht weggucken, weil der meinem Bruder so ähnlich sieht.

Lese: Auf dem Weg nach Messara. Wenn ein deutsch-griechischer Autor eine deutsch-griechische Familiengeschichte erzählt, dann unterstelle ich einfach mal viel Autobiographisches. Macht aber nichts, denn das ist kurzweilig, sauber erzählt und auch mal anrührend und wahrscheinlich alles ziemlich authentisch. Ich habe das gerne und zügig gelesen, es hat mich unterhalten, und ich habe gerade weder Zeit noch Lust auf kleinliche Nörgeleien. Obwohl ich bestimmt was finden würde! Man findet immer was, und ich könnte die Bücher auch einfach einteilen in die, bei denen ich was finden will und die, bei denen ich nichts finden will. Schlechte Bücher, gute Bücher. Ich fühle halt immer die Beweislast, wenn mir etwas nicht gefällt. Das hier hat mir gefallen, da brauche ich mir nicht so große Mühe zu geben.

Handlung: Marko, der Ich-Erzähler, abgebrochenes Jurastudium, Kurierfahrer, erhält in Berlin einen Anruf seiner Mutter, dass der Großvater gestorben ist. Er fährt nach Messara zur Beerdigung und erleidet Anfälle von Familie, Vergangenheit, Griechischsein. Am Ende bleibt er erstmal im Haus, als die anderen abreisen.

Ich wuchs neben einer Deutsch-Griechischen Familie auf. Die Mutter war Griechin, Architektin, der Vater Deutscher, auch Architekt, der sich im Griechenlandurlaub Gold in den Mund bauen ließ. Er trug griechische Schuhe, von denen er immer schwärmte, und schlug die Älteste, seltener deren Brüder. Wir spielten immer Völkerball auf dem Garagenplazt vor seinem Haus, und wenn ein Ball gegen ein Garagentor knallte, kam er raus und drohte uns sonstwas an. Die Mutter bekam ganz unabhängig von Völkerball und Kinderprügel gelegentlich eindrucksvolle griechische Wut- und Tränenausbrüche. Manchmal kam für ein paar Wochen die griechische Großmutter zu Besuch, es gab dann immer was mit Weinblättern auf großen Kupfertabletts, und der ganze hässliche Bungalow hatte einen Geruch, den ich wahrscheinlich sofort wiedererkennen würde. Später implodierte die Familie, Tod, Zerwürfnis. Der Vater bliebt allein im Haus, die Kinder kamen nie wieder, und das geschieht ihm Recht.

Auch bei der Familie im Buch ist nicht alles so in Ordnung, wie sie es gerne hätten, das ist ja auch selten so und hat mit Griechischsein nichts zu tun. Gäbe auch sonst kein Buch her. “Ich fuhr zur Beerdigung meines Opas und wir freuten uns alle, uns mal wiederzusehen”. Das wäre schnell erzählt. Interessant fand ich, dass sich die Leute immerzu anfassen, auch die Männer untereinander.

Kategorie: Bachmann '09, Bachmann 2.0 Kommentieren »


Kommentar schreiben

Kommentar