Kinderbuch
All die Kargheit, das “Graubrot einer kargen Parataxe” (Ijoma Mangold 2003 in der SZ), das Vorsichtige, Tastende, Bescheidene, das sind sie doch alle längst leid. Auch so ein Kritiker will doch mal sehen, was draußen im Leben so los ist, bei den jungen Leuten. Man kommt ja kaum weg von seinem Schreibtisch. Wenn man sowieso nur Bücher und Zeitungen liest, sollen die einem doch mal erzählen, wie es draußen ist. Und dann erzählt diese 17-jährige, wie es draußen ist: So, wie die Kritiker an ihren Schreibtischen sich vorstellen, dass es draußen so ist bei den jungen Leuten. Irgendwie voll extrem. Deshalb wäre es auch am besten, wenn möglichst wenig davon erfunden und möglichst viel davon erlebt wäre. Dass große Belesenheit und üppiges Erlebthaben wahrscheinlich mehr Zeit kosten, als der blutjungen Autorin bisher zur Verfügung gestanden haben kann - so what. Es ist so viel Helene Hegemann in dem Buch, dass man schon denken soll, der Rest sei auch erlebt. Als wäre das Erlebthaben Voraussetzung für gute Literatur. Überhaupt wahrscheinlich ewiger Streitpunkt, Beschreiben versus Erfinden. Ich werde das Buch nicht lesen, das ist meine Auffassung von Jugendschutz. Ich gehe auch nicht in Konzerte von Wunderkindern. Ich will keine jugendlichen Leistungssportler sehen. Ich will nämlich, wenn ich Leistung sehen will (Eiskunstlauf, Violinkonzert, Literatur) nicht darüber nachdenken, ob das jetzt “für das Alter” irgendwas ist, “allerhand” zum Beispiel. Ich habe da eine Gutfindehemmung. Vor allem habe ich aber eine Schlechtfindehemmung Kindern gegenüber. Sie sollten davor bewahrt werden, sich in Interviews lächerlich zu machen und sich in einer Erwachsenenwelt mit den Maßstäben von Erwachsenen messen zu lassen. Was hätte dagegen gesprochen, das Buch fünf Jahre liegenzulassen, die Autorin dann nochmal drübergehen zu lassen und es dann zu veröffentlichen?
Ein Fall fürs Vormundschaftsgericht.
Stichwort: Buch und TextKategorie: Buch und Text

am 10. Februar 2010 um 15:10 Uhr | #
Der Streitpunkt hier vor allem Erfinden versus Abschreiben. Finde Ihre Schlechtfindehemmung sehr sympathisch.
am 11. Februar 2010 um 16:14 Uhr | #
ich auch (sympathischfinden der schlechtfindehemmung)