Vor-lesen: Volker Harry Altwasser, “Letzte Haut”

Ein Nazi-Roman, gerade lese ich auf Seite 216 vom “Rottenführer Grass” und vom “Schützen Walser”.Auf Seite 217 und 218 kam mir der Gedanke, wenn Altwasser jetzt mit Kempowski kommt, hört der Spaß auf – schon erscheint auf Seite 219 der “Oberschütze Kempowski”.  Alle drei waren mit 15 bzw. 17 in den letzten Kriegstagen noch in der Wehrmacht.”Letzte Haut” ist inspiriert von der Geschichte des Richters Georg Konrad Morgen.S. 224: “Hauptsturmführer Mann”. Ha. Ha. Ha. Bisher gefiel mir das Buch ganz gut.S. 231: “… Kanonier Köppen, wie der voranschritt.” Aha, es scheint also nichts Persönliches zu sein. Ich finde trotzdem, er hätte den Namensgenerator nehmen können oder ein Telefonbuch aus dem vorigen Jahrhundert.S. 239: “Scharführer Benn, Ohrenarzt im Zivilen.”Wer ist der Nächste, Volker Harry Altwasser? Hat schon jemand einen Tipp?Ha, hätte man auch drauf kommen können:S. 240: “Nachdem Stabsscharführer Hesse die Division schneidig und vorschriftsmäßig zum Appell vorbereiten hatte, …” Fehlerchen “vorbereiten” lasse ich mal drin, steht beispielhaft für viele Fehlerchen. Ärgerlich finde ich den “Erprinz von Waldeck Pymont”, der “Josias zu Waldeck und Pyrmont” hieß – kein Schreibfehler, das r in Pyrmont fehlt durchgehend. Himmler heißt ja auch nicht Himmr, also was soll das? Vielleicht das Lektorat Mist gebaut mit “alle ersetzen”? Ich lese die 1. Auflage.Ich bin jetzt halb durch und finde das insgesamt sehr interessant. Andernfalls würde mich die Albernheit mit den Namen vielleicht weniger stören….Wenige Stunden später, S. 305: “Ihr Name ist von nun an Altwasser, Harry Altwasser, soweit klar?”Die Dialoge sind nicht der Rede wert (harhar). Aber ich interessiere mich gerade nicht für die Feinheiten. Das ist so ein “So-könnte-es-gewesen-sein”-Roman, ein Versuch der Erklärung, wie jemand geworden ist, was er ist. Wie der ehrgeizige Richter, der an die Gewaltenteilung glaubt, am falschen Ende gegen die Vorgänge in der Vernichtungsmaschine kämpft. Wie schnell er das Mitgefühl gegenüber den Gefangenen verliert, darin spiegelt sich die Gewöhnung ans Töten, die sich zuvor an der Ostfront eingestellt hat. Der Bericht von der Front: Ein Versuch der Erklärung, wie unter den Umständen überhaupt jemand überleben konnte. Was das für einer sein muss, der überlebt, während um ihn herum alle draufgehen. Das ist (siehe Dialoge) nicht immer superelegant geschrieben (“kein Thema”, “so etwas von egal”), aber Altwasser hat sehr gewissenhaft recherchiert (bzw. recherchieren lassen) und sich bei der Einfühlung in seinen Helden nichts geschenkt. Ordentlich aufgebaut, mit unterschiedlichen Erzählperspektiven, sachdienliche Hinweise zu den Geschehnissen im übrigen Kriegsgebiet. Das tröstet mich gerade über die Albernheit mit den Autorennamen hinweg. Vermutlich auch über meine kleine Krise auf Seite 311, ausgelöst durch eine Slapstick-Szene, in der der Held Dr. Schmelz eine heiße Leiter hoch klettert und an einem Förderband nein. Das kann niemand nacherzählen, ohne krass geschmacklos zu werden.Pro: Autor hat wirklich was zu erzählen. Contra: Krankheit/Haut als zu Tode gerittene Metapher.Prognose: Preiskandidat.Apropos sachdienlich: Vorgestern vom selben Autor das frühere “Wie ich vom Ausschneiden loskam” gelesen und dort sehr interessante Dinge über das Aufwachsen und Leben in der DDR und darüber hinaus erfahren. Hatte ich zum Beispiel zuvor nicht geahnt, dass es den Beruf des Heizers außerhalb von Schiffen und Lokomotiven gäbe. Und wie ist das als Soldat auf der “Bremen”? Am Ende wird es aber theoretisch, da rechnet der Held mit seinem versoffenen/abwesenden Vater ab, larmoyant, denn die Beschädigungen, die da ausschweifend formuliert werden, stehen schon in der vorher erzählten Geschichte. Oder gehören dort hinein. Als hätte der Autor seinen Geschichtenerzählfähigkeiten nicht ausreichend vertraut. Könnte er aber. (Larmoyant, wusste gar nicht, dass ich das im aktiven Wortschatz habe.)

Kategorie: Bachmann '10, Bachmann 2.0, Buch und Text Kommentieren »


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