Vor-lesen: Peter Wawerzinek: Moppel Schappik

1991 war in Klagenfurt das Jahr “Babyficken”, das Jahr, in dem der erste Text mit Migrationshintergrund den Bachmannpreis gewann und das Jahr, indem sich Karl Corino in der Abstimmung um den Ernst-Willner-Preis “zwischen Diphterie und Scharlach” für Marcel Beyer (Diphterie) entschied. Sein Favorit war Peter Wawerzinek, der in diesem Jahr auf Einladung von Meike Feßmann wieder dabei ist. Feßmann setzt offenbar ganz auf die Karte DDR, spielt also quasi mit zwei schwarzen Bauern. Studiodekor damals: Lila Puzzle. In diesem Jahr ist es blau.Schappik zieht nach Berlin und leidet offenbar unter Reim- und Wortspielzwang.

Das ist noch der Osten, wie lang existierte das “Gastmahl des Meeres” am Alexanderplatz? Ich las vorige Woche was vor im ehemaligen ungarischen Kulturzentrum, nicht weit vom Gastmahl des Meeres, ein perfektes 70er-Ambiente mit Spiegeln, rechten Winkeln und viel Braun. Der neue Betreiber versucht, dem Ganzen den typisch Berlin-Mittigen Sperrmüll-Touch zu geben, es noch ostiger aussehen zu lassen als ohnehin schon. Moppel Schappik aber schlürft Taschenkrebse, bevor er “mit einem Halbstarken über Giftpflanzen, Rumbatanzen, Weitflugschanzen blaablaate, die Kellnerin in einen Dialog über das industrielle Bauen und Frauenverhauen verwickelte und frech-forschelnd seiner Wege ging”.

Immerhin hat er einen Videorekorder, oder ist das irgendwie übertragen zu verstehen, dass er nun in seinem Schaukelstuhl sitzt und Literaturverfilmungen anschaut.Prater, Alexanderplatz, Gastmahl des Meeres, Kollwitzplatz, Leninallee, war alles mal weit weg – von Österreich, und Autoren, die von dort erzählten, mussten freigelassen werden und das Preisgeld entweder direkt verprassen, oder umtauschen. Wawerzinek die 6000 Mark “Stipendium der Verlage” schon nicht mehr.

Dieser Schappik ist ein Bohèmien, Medizinstudium in Rostock abgebrochen, auf dem Friedhof gejobbt, dann nach Berlin. Mit Proleten unterhalten, lungern, beobachten, umziehen, Gedichte schreiben: “Im Verlaufe eines Tages ist die Nacht die schönste Jahreszeit.”

Ist Schappik ein alter ego von Wawerzinek? Der: In Rostock geboren, Studium abgebrochen, Totengräber und anderes, dann Berlin. Von seiner Internetseite http://wawerzinek.de : “…war er bereits in den Achtzigerjahren als Performance-Künstler und Stegreifpoet aktiv und unter dem Namen “ScHappy” in der Ostberliner Literatenszene im Stadtteil Prenzlauer Berg bekannt.” Kein Geheimnis, dass seine Texte “stark autobiografisch geprägt” sind.

Prädikat: Verspielt. Überspielt.Auch von Wawerzinek erscheint demnächst ein DDR-Roman, seine eigene Geschichte vom Aufwachsen in der DDR: Rabenliebe: Eine Erschütterung

Hier Leseprobe.

Kategorie: Bachmann '10, Bachmann 2.0, Buch und Text Kommentieren »


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