Die Ausreißerkultur
30. November 2010 - 13:54 UhrMeine Oma, die eine echte Dame war, pflegte einen gepflegten Aufmerksamkeitsstil. Ihre alltägliche Aufmerksamkeit bestand darin, ihren Freunden und Verwandten per Post Zeitungsausrisse zu schicken. Kommentarlos, nur die Quelle (meistens die drei Buchstaben FAZ plus Datum) an den Rand gekritzelt. Wie schon gesagt, üblicherweise aus der “Frankfurter”, davon gerne die “Tiefdruckbeilage” (Bilder und Zeiten), manchmal aber auch aus dem Rheinischen Merkur oder der “Bonner Rundschau”, dann vom Nachbarn übernommen, denn den General-Anzeiger lasen wir ja alle selber. General-Anzeiger ist seit jeher gut, weil Familie Neusser, die eine Villa am Rhein hat, Rundschau böse, weil Neven DuMont gleich Köln gleich Express und gleich Tycoon. Aber wenn die Enkelin Chorkonzert hatte, soll sie ja auch wissen, was darüber in der Rundschau stand.
Ich bekam also Ausrisse über Hellmuth Rillings Bach-Einspielungen, über Walter Kempowski und über die Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche, zum Beispiel, und wenn jemand ein Buch erwähnte, standen die Chancen nicht schlecht, dass es beim nächsten Besuch hieß, “ich habe da einen Ausriss”. Man wird ja im Alter wunderlich, und vor einiger Zeit habe ich auch mit der Ausreisserei angefangen. Ich könnte mir auch einen FAZ-Online-Zugang kaufen, aber wozu? Dinge die ich suche, finde ich sowieso, per Alert, per Link. Dinge, die ich nicht suche, finde ich beim Blättern, und diese Art von Blättern kriege ich bisher rein physisch nicht hin. Überfliegen, Querlesen, Scannen. Am Esstisch sitzend, rechter Fuß unterm Hintern, Kaffeetasse auf der Zeitung. Ich reiße aus in den Kategorien “Anregung für irgendwas” (zum Beispiel Buch), “zu lang, später lesen” (zum Beispiel die dreiviertelseitige Zusammenfassung dessen, was der Papst in diesem Buch gesagt hat), “in ein bestimmtes Buch legen” (seltener Rezensionen, dafür gibt es ja Perlentaucher, eher was zum Hintergrund) und “Haben wollen” bei Hinweisen auf Sachen, meist Bücher, auf die mich das Geschriebene gehetzt hat.
Ich leite jetzt keinen Streit Papier contra Nullenundeinsen ein. Solange ich noch Papierbücher lese, freue ich mich immer, wenn beim Aufschlagen irgendwas längst Vergessenes herausfällt, der schöne Gernhardt-Nachruf aus der Gedichtsammlung zum Beispiel. Was den Rest angeht, so habe ich ein kleines Archivierungsproblem. Es gibt da eine unkontrollierte Haufenbildung. Was ich wirklich für irgendwas brauchen kann, wandert entweder als Einlage in ein Buch oder digitalisiert in irgendeine Materialsammlung, zum Beispiel Evernote. Läge alles schon digital vor, müsste man es ja auch verwalten, also archivieren oder wegwerfen. Irgendwann kann man dem E-Book den E-Artikel als Link oder Anlage zufügen. Der Ausriss besteht dann halt auch aus Nullen und Einsen. Was mir dabei fehlen würde: Die Rückseite. Die Zufalls-, die Abfallinformation, deretwegen ich meistens die ganze Seite ausreiße. Könnte man nicht den E-Artikeln auch so eine Rückseite mit einer zufälligen Meldung vom selben Tag verpassen?
