Bachmannpreis – aus dem Notizblog n+1

Am Morgen gegen zwölf wundere ich mich nur ganz kurz, dass ich beim Aufbruch zum Theater das Fahrradlicht nicht ausmachen muss. In Klagenfurt sind die Straßen in der Nacht ungewöhnlich gut beleuchtet. Taghell, könnte man sagen, wenn man etwas sagen könnte.

DJane Commaner Venus und Tex Rubinowitz legen am Lendspiel angenehme Platten auf

Vom Lendspiel, einer wundervollen Draußensitzgelegenheit (tagsüber public Bachmannviewing mit Internet und Kaffee-an-den-Tisch-bring-Service, abends Plattenauflege), gehen wir ins Theatercafé, bis die zauberhafte Veronika uns mit ihrem sanften Lächeln die Tür weist. Da ist es noch dunkel. Im nahen Beatschuppen Teatro, sagt man, habe Wawerzinek im Vorjahr wahlweise seinen Namen oder seine Kontonummer getanzt. Es ist so eng, dass er unter gleichen Umständen da allenfalls eine vierstellige Pin tanzen könnte, und das würde sich in diesem Jahr schon eher lohnen.

Es gibt Lokale, die um vier zu machen (sehr wenige) und solche, die um vier aufmachen (noch weniger). Ob wir alle wegen dem Literaturdings da seien, fragt der Kärntner, und glaubt der Ex-Kärntnerin nicht, dass sie Ex-Kärntnerin ist, bis sie “tschentschen” sagt, aber das könnte jeder von diesem Literaturdings, denn das Wort “tschentschen” kam in dem Text von Maja Haderlap vor.

Theatercafé, Klagenfurt, zwei Uhr irgendwas

Maja Haderlap, heiße Preiskandidatin, hat außerdem die schönsten Haare, den schönstklingenden Herkunftsort (Bad Eisenkappel/Železna Kapla-Bela) und den schönsten Namen. Ich habe einen Hirnwurm, den ich erst heute zu fassen kriege, und der lautet: Monsignore Schwaderlapp, der schöne Schatten des Papstes.

Die nächtlichen Abenteuer (ich könnte Schoten erzählen, könntich) rächen sich. Tapfer sehe ich mir nach zwei Stunden Schlaf vom Bett aus die ersten beiden Lesungen an. Leif Randt, dessen “Leuchtspielhaus” mich wegen übercoolness nervte, las eine schön ausgedachte Geschichte aus einer nicht allzufernen Zukunft oder einer ferneren Gegenwart vor. Eine FFE-Parallelgesellschaft, Coby County, deren Abgründe man erahnen kann. Coole Geschichte, echt jetzt. Positiv gemeint.

Anne Richter las eine Krankheits-Sterbens-Geschichte, und, nun ja, mir war auch schon ganz schlecht. Ich mag diese Art Sterbensgeschichten nicht, und ich erinnere an diesen Mann aus dem Text von Frau Praßler, der sinngemäß sagt, Sterben sei vor allem für den Scheiße, der stirbt. Denkt mal drüber nach.

Ich schaffte es gewaschen, gepudert und notdürftig fitgebraust (Aspirin) in der Pause ins Stadion. Studion. Dings. Den Bozikovic-Text (Sonderzeichen bitte selber einzeichnen, ABER NUR MIT BLEISTIFT), konnte ich nicht mitlesen, weil ich mein Frühstück (Eimer Apfelschorle, Kaffee, Topfenstrudel) darauf abgestellt hatte und die Situation mit nur zwei Händen (ohne weiteren Abstellplatz auf dem Tischchen) nicht lösen konnte, bevor man den Strudel aufgegessen hatte. Das Videoportrait war sehr testosteronlastig, der Text sehr schnell gelesen, und da stand immer “man” statt “ich”,  – “kann man machen”, sagte Hubert Winkels in der Diskussion, “wenn man kann.” “Franz von fucking Assisi” war nicht schlecht, aber Doktor Heike fucking Huber war besser. Die kam im letzten Text, 9to5 hardcore von Thomas Klupp vor, der schon am ersten Tag ausgeplaudert hatte, dass Porno vorkomme. Weil man sich ja immer zweimal begegnet, hörte ich dort zum zweiten Mal in meinem Leben den Begriff “MILF”, das erste Mal war ein paar Stunden zuvor in der schon hellen Nacht vor dieser Frühwirtschaft gewesen.

Der Pornotext war lustig und gut, solange ich zuhörte, ich weiß aber nicht, warum ich später nicht mehr zuhörte, ob das am Text lag oder an mir. Es gab Juroren, denen es ähnlich ging. Gefiel ihnen aber eher, und Hildegard E. Keller, die, finde ich, wenn sie fröhlich rauchend vor der Tür steht, einen viel lustigeren und charmanteren Eindruck macht als da drinnen im Fernsehen, nutzte die Gelegenheit, beide fucking Mittelnamen strahlend aufzusagen.

Ich informierte den voraussichtlichen Preisträger des Automatischen Literaturkritik Preises der Riesenmaschine, dass er voraussichtlich Preisträger eines Preises sein wird, “nein, das ist NICHT sowas wie die Goldene Himbeere” und er sich bitte morgen etwas vor der offiziellen Veranstaltung einfinden möge, vor der Tür, wo wir uns dann schon herumtreiben. Er kannte den Preis nicht, war aber (ebenso wie sein Verleger) so haltlos erfreut, dass ich der Vorläufigkeit des Ergebnisses nochmal Nachdruck verlieh. Änderte aber nichts.

Kein Drang, bei der Online-Abstimmung für den Publikumspreis mitzumachen. Das habe ich, glaube ich, 2005 zum letzten Mal gemacht.

Nachmittag: Strandbad Maria Loretto. Wie dieser ganze Literaturhaufen auf einem Haufen liegt. Die Jury musste gegen Abend umziehen in irgendeinen überhitzten Raum, um die Shortlist auszukaspern. Hubert Winkels (Badehose, Anzug unterm Arm) verließ um viertel vor acht das Bad. Ob sie sich gefreut hätten, wenn wir ihnen einfach unsere Shortlist mitgegeben hätten?

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Literatur

Tipp (gewagt):

Shortlist:

  • Haderlap
  • Randt
  • Reichlin
  • Klupp
  • Popp
  • Bussmann (oder Baum, eine der jungen Damen halt)
  • Geltinger (schwimmt wieder auf)

Bin gespannt, was sie mit Rabinowich machen.

Preise:

Bachmann: Maja Haderlap

Begründung: Der Text handelt von Jugoslawien (tut er nicht, siehe Kommentar, aber…), das ist so ähnlich wie mit der DDR: Die westdeutschen Autoren haben immer so ein schlechtes Gewissen wegen Ignoranz, und mal ehrlich: Wer kennt sich denn schon mit Jugoslawien aus? Die wissen doch auch nur, weil sie seit Jahren nach Klagenfurt fahren, wo dieses Slowenien liegt. Außerdem: Große Themen im Text, sowieso gut. Und dann (auch wenn’s nicht mein Geschmack ist) handelt es sich um eine Geschichte, die die Autorin jahrelang gelagert und dann mit erkennbarer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit aufgeschrieben hat (bitte nicht als Kunstgewerbevorwurf missverstehen). Seltsamerweise hat der Vorstellungsfilm (abgedroschene Waldsymbolik, herumhängende und -fliegende Blätter) mich bei ihr überhaupt nicht gestört, sondern ich hatte den Eindruck, dass das für sie so passt.

Die weiteren Plätze: Schwierig. Die Jury fand eigentlich nichts so richtig Scheiße und vieles ziemlich okay. Von diesen ziemlich okayen dann ein paar noch mehr okay. Mein Außenseitertip: Geltinger schwimmt nochmal auf. Der hat als erster am Donnerstag eigentlich zu viel Prügel abbekommen. Geltinger reiste ein bisschen auf dem Wawerzinek-Ticket (Rabenvögel, gefrorenes plattes Land, Mutterschicksal), aber das war doch ziemlich intensiv und schmerzhaft. Ich mag es, wenn Literatur da reinbohrt, wo es weh tut.

Steinbeis hat meine Sympathie, bin mir auch sicher, dass ich vieles beim Hörenlesen überhörtlesen habe. Die Idee hätte aber mit der Hälfte der Textmenge besser gezogen. Rabinowich, Bussmann, Praßler, Richter, Bozikovic überhaupt nicht mein Dings. Popp schwieriger Fall. Immer zu loben, wenn mal jemand Sprache auch klingen lässt, Rhythmus, Melodie. Aber beim genauen Nachlesen kam mir so vieles so übel kitschig vor, die Fenster als Augen, hinter denen dann auch noch Glasaugen hergestellt wurden und dererlei mehr.

Antonia Baum muss ich nachlesen. Unaufmerksam zugehört, Eindruck: Das ist so schön nervig, dass sie nicht auch noch mit nerviger Stimme hätte vorlesen müssen. Vieles passte zur Rolle. Manches nicht. Humor findet statt. Wisser, “standby”: Ich will überhaupt nichts über solche Figuren lesen. Passiv nervte, obwohl der Einsatz einen erkennbaren Sinn hatte. Aber wenn der Zweck mir fad ist, können die Mittel sich anstrengen, wie sie wollen, das wird nichts mehr mit uns.

Fazit:

2011 ist kein schwacher Jahrgang, und soweit ich sehe, wird auch (surprise surprise) nirgendwo was Anderes behauptet.

Schon gar kein schwacher Jahrgang, wie der vorige schwache Jahrgang, der so schwach war, dass es nicht mehr hieß “ungewöhnlich schwacher Jahrgang”, sondern “jaja, ungewöhnlich schwacher Jahrgang, das sagen sie jedes Jahr, aber dieses Jahr ist es wirklich ein ungewöhnlich schwacher Jahrgang.”

7 Comments to “Bachmannpreis – aus dem Notizblog n+1”

  1. sopran sagt:

    Da oben vergessen: Linus Reichlin, ausgerechnet. Der erzählte vom Krieg in Afghanistan. Ein Arzt erschießt in Panik zwei Frauen, die er für Angreifer hält. Ich finde nicht, Herr Sulzer, dass man das lieber als Reportage schreiben sollte. Finde auch nicht, dass man das alles aus Literatur über andere Kriege schon kennt, bzw. doch, natürlich kennt man das schon aus Reportagen über andere Kriege (Vietnam wurde genannt), aber nicht, dass das ein Grund ist, nicht von Afghanistan erzählen zu dürfen. Der Aspekt, dass jemand, der gerade in einem ganz normalen Krieg war, morgen neben mir im Café sitzen kann, bringt einem dieses Kriegsdings doch viel näher als der ganze Kram, der in den Nachrichten steht.
    Mit Tempo erzählt, Leitmotiv Sandale, bei aller Tragik nicht humorfrei.

  2. Huck sagt:

    Würde ich gerne +1en.

  3. Manuel sagt:

    Das Buch von Maja Haderlap handelt nicht von Jugoslawien sondern spielt in Kärnten/Österreich. Es erzählt vom Leben im zweisprachigen Gebiet Kärntens.

  4. sopran sagt:

    Danke, Manuel, das stimmt. Ich korrigiere es trotzdem nicht und senke den Kopf in Erwartung weiterer berechtigter Prügel.

  5. Mika sagt:

    Auf meinem Iphone sieht dein Blog irgendwie seltsam aus.

  6. Ja, verdammt, es befindet sich gerade im Umbau. Kann sich noch etwas hinziehen, Updateprobleme.

  7. [...] wird. Aber ich werde eigentümlich sentimental. Wer vor Ort über die Tage in Klagenfurt schreibt: Sopranisse Kaltmamsell Die [...]

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