Innenstadtaufwertung mit Amazon

Jetzt Katzenjammer, weil der Buchladen zumacht, der früher Bouvier, Röhrscheid, dieser eine Künstlerbedarfladen Strömer + Emons und noch ein paar Andere war. Die Maßstäbe von Gut und Böse verschoben sich über die Jahrzehnte. Heute ist Thalia, dieser Laden, der das Metropol erhalten und der Innenstadt ein ganz gutes Café mit schöner Aussicht verpasst hat, ein bisschen böse, aber doch noch lange nicht so böse wie Amazon oder gar das E-Book.

Blicken wir ein paar Jahrzehnte zurück: Da gab es die traditionsreiche Universitätsbuchhandlung Bouvier, dicht daneben die Buchhandlung Röhrscheid. Bouvier war schon in den 80ern ein Supermarkt, die Taschenbücher waren nach Verlagen und Artikelnummern sortiert, ein ewiges Ärgernis, man fand kein Buch, ohne zuvor im Katalog zu blättern. Röhrscheidt und die Mitbewerber Behrendt und Gilde konnten das besser. Schallplatten kaufte man bei Marieluise Nachtsheim oder Radio Uni. Bouvier war seit 1938 nicht mehr Cohen sondern Grundmann, wurde Gonski in Köln, der böse Buchsupermarktgroßmufti. Röhrscheid schluckte Marieluise Nachtsheim. Bouvier/Gonski schluckte 1982 Röhrscheid und nahm sich auch der Räumlichkeiten der dazwischen liegenden großen Künstlerbedarfshandlung an, Strömer + Emons deren Namen ich vergessen habe. Radio Uni hatte da schon das Zeitliche gesegnet. Die nahe gelegene kleine Buchhandlung mit dem theologischen Schwerpunkt stellte auch noch ein paar Quadratmeter zur Verfügung. Bouvier machte die kleinen Buchläden kaputt.

Bouvier war der erste in Berlin und betrieb alle die Läden, in denen wir früher den Zwangsumtausch für Noten und Klassikerausgaben auf den Kopf hauten. Keine gute Idee wohl, denn ab 2004 stand auf den Kassenbons nicht mehr Bouvier sondern “Thalia”. Thalia streckte bald seine gierigen Finger nach dem Metropol-Theater aus. Ich kann da persönlich nichts gegen sagen: Ich habe dieses Kino fast nie besucht, ich bin Rex- und Filmbühne-Jünger. Asche. Es begann ein jahrelanges Denkmalschutz-Bürgerinitiativen-Theater. Weiß nicht, ob sich Thalia davon jemals erholen kann. Unter den gegebenen Umständen ist das Metropol-Ding noch ganz gut gelungen. Könnte schlimmer sein, (könnte ja auch H & M sein,) das Kino ist noch zu erkennen. Es gibt bloß keine Bücher dort. Natürlich gibt es doch Bücher: Kochbücher, Kinderbücher, die bekannten Bestsellerlisten-, ChickLit- und Krimi-Tische. Man findet sie, in dem man sich durch einen Urwald von Non-Books schlägt. Bouvier erstrahlte in neuem Glanz: Da gibt es noch echte freundliche kundige Buchhändler, die einem was empfehlen können. Thalia machte die Bouviers kaputt.

Bouvier macht nächstes Jahr dicht, und ich bin schuld. Wenn ich weiß, was ich will, brauche ich nicht in den Büchersupermarkt zu gehen, dann bestelle ich bei Amazon. Wenn ich’s nicht weiß, gehe ich in den Buchladen 46 in der Kaiserstraße oder zu Behrendt, solange es das noch gibt. Amazon macht Thalia kaputt.

Behrendt und den Buchladen 46 gibt es immer noch.

Die Ladenmieten in der Bonner Innenstadt sind so hoch, dass in vielen Häusern die Treppenhäuser abgerissen wurden, um ein paar Quadratmeter Verkaufsfläche zu schaffen. In der Sternstraße zum Beispiel sind viele Häuser deshalb nicht mehr bewohnbar. Die Wohnungen über den Läden stehen leer, im ersten Stock ist oft Lager, nur über eine Stiege vom Laden aus zu erreichen. In der Innenstadt wohnt fast niemand mehr.

Wenn ich mir was wünschen dürfte: Ich möchte bitte, dass alle Leute die Bücher, von denen man sowieso erfährt, bei Amazon bestellen. Sie sollen ihre hässlichen Schuhe bei Zalando bestellen, statt sie bei Deichmann oder Görz zu kaufen. Auch H&M kann online. Mobiltelefone und -verträge kann man viel besser im Internet ordern, das sollte sich doch herumgesprochen haben. Alle diese Läden machen zu oder ziehen ein paar Bushaltestellen weiter ins neue 08/15-Shoppingviertel. Die Ladenmieten in der Innenstadt fallen, bald gibt es dort nur noch Bummel-Läden und Bummel-Cafés. Kleine Buch- und Musikläden mit subjektiver Auswahl. Endlich wieder ein Feinkostgeschäft, das man ernst nehmen kann. Haushaltswaren wie bei “Eisenwaren Greuel” in Kessenich. Restaurants. Boutiquen, auch für Übergrößen von 38 aufwärts. Hut Weber darf bleiben. Foto Brell darf bleiben. Buchladen 46 und Behrendt dürfen bleiben. F.C. Carthaus darf bleiben. Haack soll wiederkommen – beim Samstagsstadtbummel gemütlich bei der alten Frau Haack (wahrscheinlich hieß sie ganz anders) eine neue Waschmaschine kaufen, die montags kostenfrei angeschlossen wird. Die studentische Wohnungsnot wird durch Wiedereinbau der Treppenhäuser in der Sternstraße gelindert. Von dem Geld, das die Stadt durch den Verzicht auf das überflüssige Festspielhaus spart, übernimmt sie aus der Konkursmasse von Thalia gegen einen symbolischen Euro das Metropol und stellt es dem Pantheon, der Brotfabrik und diversen anderen freien Kulturdingsen zur Verfügung. Das Café darf bleiben.

Das wird schön. Danke, Amazon, danke, Zalando!

4 Comments to “Innenstadtaufwertung mit Amazon”

  1. [...] Wie Zalando und Amazon gegen Gentrification helfen. Ein interessanter Hinweis bei der Sopranisse. [...]

  2. [...] werden ausgebeutet? Sklavenarbeit wird unterstützt? Die Innenstadt zerfällt in Schutt und Asche (oder auch nicht)? Jeff Bezos ist der Diktator der Postmoderne? Kim Jong-Un wurde zum Sexiest Man Alive gewählt? [...]

  3. Marc sagt:

    … vielen Menschen haben gar keine Alternative. sie müssen billig einkaufen weil sie niedrigstlöhne bekommen.
    ein teufelskreis ist entstanden.

    …und viele händler könnten in der innenstadt bleiben wären sie nur etwas bescheidener und würden nicht permanent nach maximalgewinnen streben.

    …im grunde ist diese entwicklung vorherzusehen gewesen.
    natürlich endet es wie in den usa wenn sich am system nichts ändert.

    …es endet irgendwann so das es auch keinen grossen einkaufszentren mehr geben wird.

    …oder alles kommt ganz anders. vielleicht erleben wir mal wieder einen bewusstseinssprung und katapultieren uns …. was weiß ich wo hin ^^

  4. [...] Innenstadtaufwertung mit Amazon Du kennst das Gejammere. Online Shops machen unsere Arbeitsplätze zu nichte, zerstören den Tante-Emma-Laden um die Ecke. Sopranisse dreht den Spieß um und setzt ganz auf Amazon. [...]

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