Frau Monschein geht. Als ob…

Frau Monschein

Als ob nicht Frau Monschein nach fast 12 Jahren Bachmannpreisorganisation zum Abschied mit Kärntnerliedern, wehmütigen Reden und Blumensträußen überhäuft worden wäre. Wenn es sich um eine normale Personalentscheidung handelte, wie mir die Pressestelle des ORF auf meine Frage weismachen wollte:
“Wir bitten um Verständnis, diese Entscheidung zu akzeptieren, dass es nach zwölf Jahren auch eine Änderung geben darf. Diese wurde auch nicht getroffen, weil die Arbeit von Frau Monschein rund um den Bachmannpreis angezweifelt wurde. Sie hat hervorragende Arbeit geleistet.”

Ich kann mir schon kaum vorstellen, dass es Tage der deutschsprachigen Literatur vor Frau Monschein gegeben haben soll, geschweige denn. Michaela Monschein hat einen eigenen Aggregatzustand, der es ihr erlaubt, praktisch fließend immer genau da zu sein, wo sie gebraucht wird. Dabei immer atemberaubend (aber nie aufdringlich) gekleidet, umgeben von einem sanften Leuchten. Frau Monschein schläft nie; während die anderen schlafen, hält sie ihre beruhigende Hand über die unruhigen Träume der Lesungskandidaten. Als wir aus dem Internet hervorkamen und das Pressecafé kaperten, erkannte Frau Monschein als erste, dass wir die wahren Bachmannsiegelbewahrer sind und behandelte uns als geladene Gäste. (Über ihre Arbeit plauderte Frau Monschein in diesem Jahr mit Wolfgang Tischer.)

Es ist nicht vorstellbar, dass Frau Monschein freiwillig ausgeschieden ist, und zumindest das behauptet auch niemand. Sie selber sagt nichts dazu. Fast niemand will etwas dazu sagen. Zusammen mit der Vorstellung des Nachfolgers Horst L. Ebner heißt es: 2013 bleibt alles wie bisher, 2014 soll es Änderungen geben. Ich spekuliere (nicht ganz aus der Luft gegriffen), dass Frau Monschein diese Änderungen nicht gewünscht hat. Der Bewerb solle “fetziger, poppiger, fernsehtauglicher – eine Art Castingshow für Literatur” werden, wird im österreichischen Standard zitiert.

Möglicherweise, so reime ich mir aus dem Geraune zusammen, liegt das Problem weniger in der Provinz (ORF Kärnten) als in der großen bunten Fernsehwelt (3sat). 2008 wurde von dort aus schon einmal versucht, den Bachmannpreis telegener zu machen. Der zuverlässig dezente, immer aufmerksame Ernst A. Grandits wurde als Moderator von Dieter Moor abgelöst, der selber schnell eingesehen hat, dass da zusammengepresst wird, was nicht zusammen gehört. Ein Lesungstag wurde abgeschafft, weniger Juroren (sieben statt neun), weniger Autoren (14 statt 18), weniger Zeit, die Preisermittlung wurde in die – haha – Prime Time am Samstagabend gelegt.  Kein einziger Zuschauer mehr vermutlich, dafür Gemaule von allen Seiten. Baden ging dabei das Baden, zum Beispiel: Keine Zeit mehr für das inoffizielle Bachmannwettschwimmen, keine Zeit mehr für das offizielle Fußballspiel ORF gegen FC Literatur. Frau Monschein, die bis dahin die Stimmzettel eingesammelt und Herrn Grandits beim Auszählen geholfen hatte, verschwand von der Bühne und wirkte nur noch im Hintergrund. Ab 2009 war dann alles wieder fast wie früher, nur Grandits und Frau Monschein kamen nicht zurück vor die Kamera, die Mittagspause war weg, und es blieb bei sieben Juroren und 14 Autoren. (1977, im ersten Jahr, waren es 13 Juroren und 23 Autoren.)

Die Tage der deutschsprachigen Literatur sind ein Fernsehereignis aus einer anderen Zeit. Sie sind langsam. Was wollen diese Fernsehleute? Literatur in 3-Minuten-Clips? Vorgelesen von gecasteten Autorendarstellern? Jurykommentare von Brainpool? Soll aus “Die Wanderhure n+1″ vorgelesen werden? Wäre das neue FAS-Literaturkaplänchen Thomas Gottschalk nicht ein guter Jury-Vorsitzender? Oder lassen sie es immer weniger werden, noch weniger Autoren, noch weniger Sendezeit, am liebsten nach Mitternacht, bis sie sagen können: Es schaut ja eh keiner mehr.

Literatur ist ein Randgruppenphänomen, das werden Sie nicht ändern können. Literatur ist fetzig und poppig allenfalls aus sich selbst. Lassen Sie uns bitte den Bachmannpreis in seiner alten Form. Denn die offene Diskussion über Literatur ist die einzig sinnvolle Art der Literaturvermittlung im Fernsehen: Literarisches Quartett funktioniert, Das blaue Sofa funktioniert nicht. Und schließlich zahlen wir doch unsere Gebühren gerade dafür, dass es noch Randgruppenfernsehen gibt. Für mich. Für meine Steuerberaterin. Für diesen Orgelprofessor. Für die #tddl-Twitterer. Für all die anderen handvoll Leute, die sich jedes Jahr zwei Tage frei nehmen, um sich die Lesungen und Diskussionen anschauen zu können. Die sich alle ausschließlich für die Lesungen, die Autoren und die Jurydiskussion interessieren und vom Drumherum nicht erwarten, dass es fotzig und peppig ist, sondern nur dies: Dass es nicht stört.

Frau Monschein, ich danke Ihnen für sieben Mal fünf schöne Sommertage in Klagenfurt, für die Unterstützung des kleinen Bachmannbuches und Ihre anmutige Omnipräsenz!

3 Comments to “Frau Monschein geht. Als ob…”

  1. Franz Moro sagt:

    ….großes Bedauern wegen des Aufhörens von Michaela Monschein und Wut und Befürchtungen wegen der drohenden Änderungen……

  2. Konrad Geyer sagt:

    Vielleicht wird ja alles wunderbar. Die offene Jurydiskussion als Kern der Veranstaltung muss erhalten bleiben, beim ganzen Rest kann von mir aus durchaus getuned werden.

  3. [...] über ihre Arbeit unterhalten hat, wurde bereits im November 2012 urplötzlich und völlig überraschend abgesetzt. Über die Gründe herrscht auf allen Seiten eisiges [...]

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