Sopran

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Ich war neun, als meine Oma Krebs bekam. Groß genug – weil schon zur Kommunion gegangen -, um die ländlichen Sorgenrituale mitzumachen. So traf sich das ganze Dorf wochentags zwischen Melken und Abendessen in der Kirche zum Rosenkranzgebet. Wir halb-säkularisierten Stadtkinder waren da nicht so firm drin, egal: nach dem zehnten, zwanzigsten Ave Maria gibt es nur noch Knie- aber keine Textprobleme.
Heute trifft man sich im Sorgenfall in der Kneipe oder im Internet, lädt die selbe Seite immer wieder neu und wünscht sich, aus der Ferne irgendetwas tun zu können. Möglichst etwas, was auch nützt und nicht nur nicht schadet.
Demutsübung 2.0: aushalten, dass man nichts tun kann.

Prolog – Epilog

Den Parkplatzrentner vom Anwaltverein hatte ich seit dem Herbst nicht mehr gesehen. Eine druckfrische Todesanzeige hatte ich in der Tasche Ende Oktober, die wollte ich ihm geben, aber er war nicht da. Auch an den anderen Tagen sah ich ihn nicht, wenn ich Gerichtstermine für den toten Kollegen wahrnahm. Der Parkplatzmann musste doch merken, dass nur noch die Kinder zum Gericht kamen. Als ich Anwältin wurde, hatte mein Vater mich einmal auf dem Parkplatz vorgestellt. Er hatte ein beinahe freundschaftliches Verhältnis zum Parkplatzmann. Heute war der endlich wieder da. Wahrscheinlich war er nie weg. Er trug eine nagelneue Parkplatzjacke von The North Face. Angemessene Kleidung, finde ich, so viel Wetter sieht doch kaum eine dieser Jacken-wie-ein-Haus. Freundliche Begrüßung und ein Winken zum Abschied.

(Manche Geschichten lassen sich besser rückwärts erzählen. Auch die vom Sterben meines Vaters. Die anderen Folgen ordne ich zu den Daten, an denen ich sie geschrieben habe, September und Oktober 2007.)

26. Februar 1926

Wir beide.

Warum ist Deine Nähe mir so nah!
Warum ist Deine Ferne mir so weit!

Weil ich in Dir, in Dir zum erstenmal den Menschen sah,
Der mich erlöst, der mich in Liebe, in unendlicher, umfing.
Warum nur bist Du mir in weiter Ferne
Warum nicht kommst und bleibst mir nah!
Ich soll wohl leiden, muss wohl büßen!

– Leiden. -

Doch Du bist zu mir gekommen, hast die Schuld, die längst vergebene,
endlich, endgültig von mir abgenommen.
Du reiner, großer, tiefer, lieber Freund.

Und so verschwandest Du! Ein zweitesmal und viele male
Sollt ich Dich nicht umfassen, an mich drücken
In heißer Lieb.

Und darum gingst Du. Ließt in Tränen mich zurück
und bist mir treu.
Und liebst mich, so unendlich, so über alle Maßen, – fühl ich.
Fühltest Dich glücklich schon in Deiner Liebe, – sagtest Du, -
Auch wenn sie nicht erwidert werden sollte! – -
Und ich? Ich muss Dich lieben, muss Dich haben!

Ich will Dir alles geben, – gab mich Dir, in reinster, höchster Liebessehnsucht.
Sie wurd erfüllt, sie ist erfüllt, und immer wieder neu
Wird sie sich erfüllen Dir und mir.

Ich will Dir alles sein. Ich bin es. Bin es!
Denn wenn Dich einer je verstand in Deinem starken Sehnen,
in Deinem reinen Willen, in Deinem Leid,
Bin ich es nicht?
- Wir lieben uns. Hast Du ein höh’res Glück schon je empfunden? – Nie!
- – Wir beide – .

Brief eines Knaben an einen Knaben

Sitzen, Fortsetzung

Wie ich hier so sitze auf dem weichen Lederpolster der Bank im Café an dem einzigen Tisch, auf den das Macbook passt, Macbook MACBOOK verdränge ich meinen Ärger über den defekten Flughafen für einen Moment und besinne mich hier, in dieser sanftmütigen buddhistisch-westerwäldischen Umgebung auf die Kraft des Sitzens. Im Sitzen liegt die Kraft. Mein Motto seit 15 Anschlägen. Dazu singt eine Frau wie eine Sitar, was mich fast wieder Read the rest of this entry »

Schlagzahl

(Rudern, Ende Juni 2004, nach Verfolgen der Klagenfurter Preisverlosung am Fernseher)

Ablegen bei 653, Höhe Palais Schaumburg. Vorrollen. Einsetzen. Wasser fassen. Ausatmen Ziehen Aussetzen. Einatmen Vorrollen Einsetzen. Wasser fassen. Uff. Heiß, anstrengend. Strömung. Altes Wasserwerk. Besuchermassen. Wasser fassen. Abgeordnetenhochhaus. Offene Tür. Vorrollen. Vor zurück. Einatmen Ausatmen.
Rheinaue. Ruhigeres Wasser. Ziehen. Aussetzen. Abdrehen.
Bei 654.2 eine Treppe zum Wasser. Von dem Weg, auf dem Joschka Fischer zu sich selbst lief. Uff. Weniger Strömung hier. Gucken. Auf der Treppe ein Paar. Sie vor ihm. Sein linker Arm, Hemd bis zur Schulter hochgekrempelt, steckt bis zur Schulter Uff in ihrer Bluse. Der Doktor und das liebe. Ihre linke Hand hilft. Sein rechter Arm verschwindet unter einem roten Pullover auf ihrem Schoß in ihrem Schoß. Uff. Ihre rechte Hand krallt in ihr rechtes Knie. Auch die vier hinter mir schauen hin, zarter Schwung nach Backbord. Keiner sagt was. Keiner lacht.
Vorrollen. Einsetzen. Wasser fassen. Uff. Posttower. Schweiß in den Augen.
Endlich wieder im Ruderboot.

September 04, Fortbildung in Münster

Alte Kamellen aus der Vor-Blogzeit, neu ausgewickelt. Wie ich einmal um den Aasee trabte.

Der Aasee ist erfreulich klein. Ich musste ein Limit setzen, Umkehr nach 25 Minuten, aber dann sah ich hinten eine kleine Brücke, eine Umrundung kein Problem. Beim Loslaufen fünf Schritte auf einen Atem, also tap tap tap tap tap eingeatmet und tap tap tap tap tap ausgeatmet. Vier ist gut, drei geht noch, dann bin ich eigentlich zu schnell, aber langsamer sieht uncool aus und fühlt sich uncool an.
Gedanken streifen mich nur dabei, sie haben meist zu tun mit dem, was ich aufnehme. Aus einem Mülleimer riecht es angenehm nach angefaultem Obst. Weiße Turnhosen gehören verboten. Die Häschen hams gut, grasen drei Meter neben dem Weg. Häschensaubande alles aufgebuddelt. Der schon wieder war wohl schneller rum. Wohnen hinter Glas mit Seeblick: Einrichtung aus dem Marktex-Katalog. Müssen die immer aufräumen?
Musik unter der Brücke, laut, 80er. Ein Paar tanzt. Er rote Schuhe, sie orange. Verbraucht, riechen sehr obdachlos nach Alkohol und altem Rauch und Mensch. Tanzen und sehen dabei nur ein bisschen glücklich aus. Oh nein! Jetzt wieder die 15 Walker. Stimmt, selbe Zeit wie letztes Mal. Die schleifen die Stöcke nur hinterher. Bin schneller vorbei als befürchtet. See voll kleiner Segelboote, Gedrängel.
Kein Ruderverein? Laufen ohne BH sieht doch scheiße aus. Jedenfalls bei Frauen. Die mit den Marathon-Finisher-Shirts vom vorletzten Sonntag tragen den Kopf ein Stück höher.
Am Ende noch ein Spurt, dann rote Ampel und puddingweiche Beine. Zum Hotel nur noch austraben. Hoffe, dass im Aufzug keiner ist. Zwei Männer steigen aus, hinterlassen einen Rasierwasserhauch. Und ich rieche nach Libanon.

Müde und wasserscheu

Diese zwölfstündigen Nachtfahrten ziehen immer allerlei Gedanken an, die mir blogbar erscheinen, solange ich drinstecke. Dank der zugeführten -ine und des mitgeführten beleuchteten Kugelschreibers bin ich so multitaskingfähig, dass ich sogar was notieren kann beim Fahren. Jetzt bin zu müde für Selbstkritik und lege hier nur das Gekritzelte ab. Ich dachte viel an Wasser und musste auch dauernd welches lassen, denn die -ine (nur harmlose, keine Amphetam-) entwässern, machen durstig usw. Ich höre Zweiraumwohnung, Jens Friebe, Element of Crime, Erdmöbel. Denke über mein Verhältnis zum Wasser nach. Der weiße Hai ist übrigens ein sehr lustiger Film, schauen Sie sich den unter mit dem Vorsatz noch mal an. Der Polizeichef von Nantucket oder wie’s da heißt schwafelt was von seiner besonderen Abneigung gegen Wasser. Das habe doch sicher irgendeinen medizinischen Namen, wird er gefragt. Read the rest of this entry »

Vor-Lesen 2007, Michael Stavaric: stillborn

Bloggen 3

Michael Stavaric, stillborn

Wie beim Tatort, wenn ich schon um 20 Uhr 26 weiß, wer’s war, denke ich auch hier seit Seite 20 über Abschalten nach. Vermutlich hat doch die Maklerin selber die ganzen Wohnungen angezündet. Aber ehrlich gesagt: Es interessiert mich gar nicht. Eine anstrengende Ich-Tirade, die Frau spinnt, ganz klar. Spinnt gefährlich. Ich mag die Sprache nicht. Vor allem mag ich die vielen Kommata nicht. Der Autor tut alles, um noch mehr und mehr Kommata unterzubringen. Trennt das Subjekt durch ein vom (“Klara, hat Schluckauf…” – “Klara, öffnet die Tür,…). Read the rest of this entry »

Beerdigung anderswo

Paulus schrieb an die Apatschen: Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.(Robert Gernhardt)
Die herzförmige Platane hat über Pfingsten Blätter bekommen. Gestern morgen trug sie einen Anschlag, einen “Avis Sepultre”. Man treffe sich um 15 Uhr auf dem Friedhof. Das Wetter schlägt am frühen Nachmittag um. Beerdigungswetter mit Dauerplatzregen. Tout Cenne ist auf den Beinen, zumindest alle Schirme des Dorfs. “Meine Schirme sind schon auf dem Friedhof”, sagt die alte Madame S., die nur Mann und Sohn schickt. Ich stehe unter dem der Voisine Mongoliere, er ist schwarz. Dazu die Künstler- und Alternativen-Szene der Umgebung, Mitschülereltern. Viele schwarze Lederjacken, lange bunte Röcke. Der Verstorbene war der Gitarrenlehrer meines Sohnes. Mit seiner Band trat er auch auf den Dorffesten der Umgebung auf. Sein eigener Sohn geht mit der Vier in die Schule. Hirnschlag über Nacht.
Freunde tragen den Sarg, sie singen Chansons. Am Grab betet der Pfarrer den 23. Psalm. Wenn ich die Wortfetzen, die durch den Regen dringen, richtig verstehe. Nach einer längeren Pause klatschen alle. Beifall für den Toten? Eine freundliche Geste. Es wird geweint und gelacht, wie immer auf Beerdigungen. Immer wird auch gelacht. Ein Schwarzer singt alleine “Swing low sweet chariot”.
Der Regen lässt nach, als wir auf dem Heimweg sind. Ich möchte, wenn ich tot gehe, auch in einem Dorf leben.

Jonathan Franzen: Dingsbums Eine Geschichte von mir (Rezension)

Meine Draußen-Tätigkeiten finanzierte ich mir mit der Arbeit in einem Draußen-Zubehör-Geschäft. Dass dabei wegen gigantischer Personalrabatte Geld zu sparen sei, verdarb ich mir durch geschicktes Reich-Rechnen: Zwar waren die Personalrabatte tatsächlich gigantisch. Aber natürlich sparte ich nicht 120 Mark beim Kauf eines 350-Mark-Schlafsackes, sondern entschied mich lieber gleich für den 500-Mark-Schlafsack, für den mir dann nur 350 vom Lohn abgezogen wurden. Read the rest of this entry »