17. October 2010 - 10:36 Uhr
Mit den Lieblingen ist es schwierig. Wer soll das sein? Der spröde Johnson taugt nicht recht zum Liebling. Walter Kempowski ist einer, dem ich viel verzeihe, weil ich ihn auf eine Art am besten kenne. Das ist leicht, er ließ ja alle Welt teilhaben an seiner Weltsicht. John Irving hat mich sehr beglückt (Garp, Das Hotel New Hampshire) und sehr ermüdet und enttäuscht (Bären, Ringen, gähn).
Aber wo wir hier so nett zusammensitzen, sondere ich mal schnell meine Meinung zu Freiheit
von Jonathan Franzen ab.
Ich mach’s mir leicht und kopiere einfach das rein, was ich neulich schrieb, dann muss ich nicht verlinken, was ja auch für den Leser lästig wäre, dann kommt der Schluss.
Ich bin im dritten Teil angelangt, in dem erzählt wird, wie es Richard Katz weiter ergangen ist, dem besten Freund von Walter Berglund, nachdem er mit Patty Berglund … darauf einen mainstreamigen erfolgreichen verliebten Song geschrieben hat, aber dann … (nicht zu viel verraten). Sein Lieblingsautor ist zur Zeit Thomas Bernhard.
Es geht um die mittelmoderne Familie Berglund, bisher insbesondere um Patty Berglund. Im ersten Teil wird aus der Sicht eines Beobachters aus der Nachbarschaft erzählt, Besichtigung der Familie Berglund von außen. Umfasst den Zeitraum, in dem die Familie in St Paul Ramsey Hill lebt. Beschrieben wird unter anderem eine Mutter-Sohn-Symbiose von Winterhoffschen Ausmaßen (zumindest, was den Mutterpart betrifft) und der Auszug des Sohnes zu den prolligen Nachbarn.
Im zweiten Teil mehrmals sehr gelacht. Titel:
Es wurden Fehler gemacht
Patty Berglunds Autobiographie
von Patty Berglund
(verfasst auf Vorschlag ihres Therapeuten)
Schönster Satz bisher: Die Autobiographin ist der Meinung, dass Joyce für die Mutterrolle emotional noch nicht reif genug war, als sie ihr erstes Kind bekam, allerdings sollte die Autobiographin selbst in dieser Hinsicht wohl besser keine Steine werfen.
Die Autobiographiesprache ist ein bisschen zu ausgefeilt für diese Patty Berglund, macht aber nichts. Das Joey-Thema lässt Patty fast vollständig aus. Derartige auffällige Auslassungen machen neben den subtilen Anzeichen für Pattys Versagen in vielerlei Hinsicht den Reiz dieses Abschnittes aus.
Ab etwa der Hälfte, wahrscheinlich etwas später, lässt das Buch nach. Beim Lesen lief ein stockender Fortschrittsbalken mit. Die Charaktere sind alle ordentlich vorgestellt und gut entwickelt, außer der Tochter, deren Name mir gerade nicht einfällt, und die in dieser Geschichte und in dieser Familie von Anfang an zu kurz kommt. Bezeichnend, dass ich ihren Namen schon vergessen habe. Franzen geht nah ran, die Figuren sind schön widersprüchlich, interessant, echt. Joey, der kleine Möchtegern-Republikaner und seine seltsame Freundin/Frau sind dazu gekommen, den Rest kannte ich ja schon.
Irgendwann liegt alles in Trümmern: Herr Berglund hat Frau Berglund rausgeworfen wegen der alten Sache mit Richard Katz und wirft sich in die Arme der hübschen indischen Assistentin. Ab da ackert Franzen nur noch, um die Figuren auf allerlei Umwegen doch noch zu einem Happy-End zu prügeln. Alle müssen noch ein paarmal dramatisch ihr Leben ändern, die Assistentin muss aus dem Weg geräumt werden usw. Die Modelle: “Wahrheits-Ausraster eines bisher unauffälligen Menschen bei offiziellem Anlass”, “bei gerade installiertem Paarglück muss ein Unfalltod her” und “verbitterter Rückzug in die Einsamkeit und anschließende Befreiung daraus” sind bekannt und werden in Freiheit auch nicht neu geboren.
Natürlich habe ich auch geweint. Aber nur ganz wenig.