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Offener Brief von Juror Arno Dusini

Erschienen heute im Falter, Wien.

Mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Dusini:

Sehr geehrter Herr Dr. Wrabetz,

als diesjähriges Jurymitglied der »Tage der deutschsprachigen Literatur« möchte ich Sie fragen, was der ORF resp. 3SAT mit der Ausrichtung dieses Preises, der sich anspruchs­voll auf Ingeborg Bachmann beruft, eigentlich für Probleme hat. Sind es die richtigen?

Die Ausbootung der langjährigen, exzellenten und medial über beste Zustimmungswerte verfügenden Literaturkritikerin Daniela Strigl ist die desaströse Lösung für ein Problem, das es nie gegeben hat. Nach dem Abschied des Jurysprechers Burkhard Spinnen – die Sache ist mittlerweile hinlänglich bekannt – gelang es dem ORF, unter Akklamation von Spinnen selbst sowie der gesamten Jury, Daniela Strigl für die Funktion der Jury­spre­cherin zu gewinnen. Diese so kluge wie elegante Entscheidung wurde vom ORF resp. 3 SAT dadurch desavouiert, dass man, ohne die Jury weiter damit zu befassen, einfach ein anderes Jury-Mitglied um die Übernahme dieser Funktion gebeten hat. Dass eine solche Düpierung es Strigl schon aus Gründen der Selbstachtung verbieten würde, weiter in der Jury zu wirken, wäre nur von Charakterlosigkeit, Dummheit, oder beidem, nicht vorher­sehbar gewesen. Zudem hat man den angefragten Hubert Winkels in die peinliche Situation gebracht, dass er, nähme er dieses Amt an, noch vor dem ersten Wort als Jurysprecher schon ein Mitglied jenes Gremiums, für das er sprechen soll, vor den Kopf gestoßen hätte. Jeder, der Hubert Winkels einmal dabei zugesehen hat, wie er eigene Gewissenskonflikte in der Beurteilung literarischer Texte zum Ausdruck zu bringen vermag, weiss, dass dieser ehrenwerte Mann gar nicht umhinkommt, die Wiedereinsetzung der geschätzten Kollegin Strigl erfolgreich zu fordern.

Eine Institution wie der ORF resp. 3SAT kann sich nur ohne Quoten-Imperativ für oder gegen eine Veranstaltung wie die »Tage der deutschsprachigen Literatur« entscheiden (und dass Quote und »Leistung« zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind, haben die vorletzten politischen Jahre ausführlich klar gemacht). Sie, Herr Wrabetz, haben sich im letzten Jahr unter großem, auch medialem Applaus für die nachhaltige Austragung dieser Ver­anstaltung entschieden. Doch greift die Sache weit über die paar schönen Tage am schönen Wörthersee hinaus. Wenn der ORF resp. 3SAT in dieser Sache spürbaren Gegenwind erfahren, so auch deshalb, weil die Veranstaltung einer der wenigen Orte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist, an denen sich das Verhältnis von Öffentlichkeit und Wort überhaupt einer Diskussion zu öffnen vermag. Es ist gerade die österreichische Literatur, die sich – von Nestroy über Kraus bis hin zu Jelinek – am Problem einer Aufführbarkeit des Wortes abgearbeitet hat; Regisseure haben dafür großartige Lösungen gefunden.

Das ist der springende Punkt: Klagenfurt gibt dem Wort eine Bühne, und das ist ein heikles Geschäft. Literatur ist kein Medium, Literatur ist sprachliche Selbstreflexion. Sie ist ein Raum, der es – mit einer Formulierung von Marlene Streeruwitz – ermöglicht, »trotz der unvermeid­li­chen Intervention von außen zur Vorstellung einer eigenen Sprache zu kommen«.

Dass damit nicht nur die Sprache von SchriftstellerInnen gemeint ist, macht die Brisanz und den Druck aus, auf den sich eine solche Veranstaltung ein­lassen muss. Und es macht deutlich, dass es sogar im Fernsehen noch um mehr gehen kann als um die Optimierung des Mediums auf Kosten der Literatur: sie, die man über das Medium »Buch« schon lange totzureden versucht hat, immer wieder wie zum letztenmal zu umarmen, könnte sich als Symptom eigenen Siechtums erweisen.

Angesichts der prekären Situation wäre es vollkommen fahrlässig und gegen die bekundete Überzeugung, die Frage nach den »Tagen der deutschsprachigen Literatur« spontan von Personen aushandeln zu lassen, denen schlicht die literarische Expertise fehlt. Wie man weiß, steht, wenn im OFF gemauschelt wird, das Schlimmste zumeist bereits fest. Derzeit scheint die Zukunft der Veranstaltung maßgeblich in den Händen eines Mannes zu liegen, der nicht nur das zutiefst österreichische Kunststück zuwege bringt, aktuell nur die zwei Funktionen des 3SAT-Koordinators und gleichzeitig ORF-Personal­chefs gütlich in sich zu vereinen, sondern der unschlagbar darüber hinaus auch die situationsdynamische Fähigkeit besitzt, wenns dunkel wird in Leidenschaft Wagner-Opern zu hören, zum Abendessen den deutschen Entertainer Harald Schmidt als Juror für Klagenfurt ins Spiel zu bringen und nachmittags den Bewerb auf Zuruf deutscher Senderkollegen in Richtung literarische Casting-Show auszuphantasieren. Das ist, mit Verlaub und Verweis auf die Tradition, die Ihr Preis aufruft, nicht nur vollkommen gaga, das kann auch nicht im Sinn der Verpflichtungen eines öffentlich-rechtlichen Mediums sein. Wer soll sich da noch, als JurorIn, als AutorIn ernsthaft hinsetzen?

Sehr geehrter Herr Wrabetz, es ist Ihnen im letzten Jahr und Augenblick gelungen, die »Tage der deutsch­sprachigen Literatur» aus dem Wasser zu ziehen. Die diesjährige Jury ist versorglich auf Tauchstation. Es wäre gut, würde der ORF resp. 3SAT nicht auch noch durch hintergrundelndes Mißmanagement die AutorInnen unter Wasser drücken, sondern der Literatur das Gastrecht einräumen, das ihr zusteht, und zwar in angemessener Weise.

Mit den besten Grüßen,

Ao. Univ.-Prof. Dr. Arno Dusini

Institut für Germanistik der Universität Wien
Universitätsring 1
A 1010 Wien

Offener Brief an ORF, ORF Kärnten, 3sat Österreich

Unterzeichnen ist weiterhin möglich, ich kann die hinzugekommenen Namen aber nur verzögert einbauen. Text mit jeweils aktueller Liste

 

Wir missbilligen, dass Frau Strigl bei der Auswahl des neuen Juryvorsitzes der Tage der deutschsprachigen Literatur übergangen wurde.

Auch auf Wunsch der gesamten Bachmannpreis-Jury war Daniela Strigl im Januar vom hierfür zuständigen ORF Kärnten gefragt worden, ob sie bereit sei, den Juryvorsitz zu übernehmen. Im Juli gab sie dem ORF ihre Zusage. Vor wenigen Tagen erhielt sie vom ORF eine Absage.

Wir kennen die Gründe für diese Entscheidung nicht, können uns aber nicht vorstellen, dass diese nicht schon im Juli hätten bekannt sein können. Daniela Strigl, die sich bei der Abschaffungsdiskussion im Jahr 2013 leidenschaftlich für den Erhalt der “Tage der deutschsprachigen Literatur” eingesetzt hatte, wäre eine gute Vorsitzende geworden.

Wir verstehen gut, dass sich Daniela Strigl nach diesem Affront ganz aus der Jury zurückzieht.

Daniela Strigl urteilt messerscharf, unterhaltsam, kompromisslos in der Sache, ohne die Autoren je persönlich anzugehen. Beim diesjährigen Bewerb wurde sie per Umfrage vom Weblog “Literaturcafe” zur “Beliebtesten Jurorin 2014” gekürt.

Sie wird uns und dem Bewerb sehr fehlen!

Unter den 140 Unterzeichnern sind – neben Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, den Bachmannpreisträgern Kathrin Passig und Tex Rubinowitz, den Preisträgern der Leipziger Buchmesse Saša Staniši? und Clemens Setz – auch Mit-Juror Hubert Winkels, die Ex-Juroren Klaus Nüchtern und Karin Fleischanderl, etliche BachmannpreisteilnehmerInnen und -preisträgerInnen, AutorInnen und Mitglieder des Literaturbetriebs, aber auch nicht-professionelle Literaturbegeisterte, Blogger und Twitterer. Frau Strigl ist in den sozialen Netzwerken – obwohl selber dort nicht aktiv – sehr beliebt.

Was wir an Daniela Strigl schätzen und lieben, haben Kathrin Passig (Ingeborg-Bachmann-Preis 2006) und Clemens J. Setz (Ernst-Willner-Preis 2008) in Sonette gefasst:

 

Wie es halt leider so ist

von Kathrin Passig

Es gibt sehr gute Wesen. Etwa Schnabeligel,

Schlammspringer, Molche, Ottern, Olme, Pfauenaugen

(Wenn sie auch gleich als Kritiker nicht so viel taugen)

Das beste unter ihnen ist Daniela Strigl.

 

Ja, besser als der Bilch. Auch besser als ein Beagle.

Und könnte man nur alles, was sie sagt, aufsaugen

Es würde aus dem eignen Pfusch, dem ungenaugen

Ein kluges Werk, und nicht nur so ein Hingebiegel.

 

Das sieht nicht jeder so. Und damit muss man leben.

Es gibt auch Menschen, die der Rüsselhund verdrießt,

Der Biber kalt lässt. Traurig, doch so ist es eben:

 

Dass sich das Richtige nicht allgemein erschließt.

Es reicht ja auch, dass nur die meisten Herzen beben,

Wenn man den Namen Daniela Strigl liest.

 

Protestsonett auf den Verlust von Daniela Strigl als Jurorin des Bachmannwettbewerbs

von Clemens J. Setz

Wie schaun wir drein, in jedem Sommer, wenn

Daniela Strigl vor uns steht und spricht?

Wie Sonnenblumen, high von Sonnenlicht.

Wir kichern, tänzeln, scheu wie Teenies. Nenn

 

mir einen andren Menschen im Betrieb,

der ähnlich uns verzaubert und beglückt!

Der uns mit seinem Charme und Geist entzückt,

dem manch ein Autor heimlich Verse schrieb…

 

Der ORF hat viel zu viel verlernt.

Der Bachmannpreis ist wie ein alter Hund,

der sich sein eignes Bein im Schlaf zerkaut,

 

und nun hat er noch sein Gehirn entfernt.

Frau Strigl ist perfekt. Sie ist der Grund,

weshalb man einmal jährlich 3sat schaut.

 

Unterzeichnet haben unter anderen:

  • Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek
  • Klaus Nüchtern, Mitglied der Jury der Tage der deutschsprachigen Literatur 2004-2008
  • Karin Fleischanderl, Mitglied der Jury der Tage der deutschsprachigen Literatur 2009-2010
  • Hubert Winkels, Mitglied der Jury der Tage der deutschsprachigen Literatur seit 2010
  • die Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz (2014) und Kathrin Passig (2006)
  • die Preisträger der Leipziger Buchmesse Saša Staniši?, Clemens Setz und Robin Detje
  • ehemalige Teilnehmer und Preisträger der Tage der deutschsprachigen Literatur und des Klagenfurter Literaturkurses: Saša Staniši? und Clemens Setz, Olga Flor, Martin Fritz, Hanna Lemke, Silvia Szymanski, Nadine Kegele, Martina Hefter, Cornelia Travnicek, Christiane Neudecker, Lydia Mischkulnig, Jan Böttcher, Kathrin Röggla, Julya Rabinowich, Romana Ganzoni, Heike Geißler, Inger-Maria Mahlke, Paul Brodowsky, Karsten Krampitz, Gerhild Steinbuch, Heinz Helle, Angelika Reitzer
  • weitere Autoren, z.B. Judith Schalansky, Pia Ziefle, Monika Rinck, Marion Brasch und Hanser-Verleger Jo Lendle

 

Soli-Treffen für Daniela Strigl

Solidaritätstreffen auf der Frankfurter Buchmesse, Freitag, 10.10., 11.30 Uhr, Halle 4.1 Q 65 außerhalb des Pressezentrums (leerer Gang). Es wird eine Solidaritäts-/Protestnote, verlesen und unterzeichnet, die je ein Sonett von Clemens J. Setz und Kathrin Passig enthält.

Wer bereits auf Vertrauen online mitzeichnen will kann dies unter dem folgenden link tun:

Protest-/Solidaritätsnote unterzeichnen

Der fertige Text wird morgen früh hier und anderswo veröffentlicht.

Wer in den (Presse-)Mailverteiler zu dieser Aktion aufgenommen werden will oder Fragen zur Aktion hat: Read the rest of this entry »

Presseerklärung von Daniela Strigl

Im Jänner dieses Jahres, als Burghard Spinnen seinen Rückzug als Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises intern bekanntgab, wurde ich vom ORF Kärnten als Veranstalter gefragt, ob ich Spinnens Nachfolge antreten wolle. Man sagte mir, man wolle den Vorsitz wieder einmal an eine Frau und nach Österreich vergeben, und dies sei auch in Spinnens Sinne.

Im Juli kam von mir die fixe Zusage, vor einigen Tagen fand in Wien eine Sitzung unter Beteiligung der österreichischen 3SAT-Leitung statt, und jetzt hat man mich wieder ausgeladen. Hubert Winkels soll der künftigen Jury vorsitzen. Er wird das bestimmt hervorragend machen. Ich aber erlaube mir, die Vorgangsweise des ORF als unfein zu betrachten und den jetzigen Zeitpunkt als den passenden, um mich aus der Jury zurückzuziehen.

Mit den besten Wünschen für diese letzte große Bastion der Literatur im Fernsehen und mit herzlichem Dank an alle Beteiligten innerhalb und außerhalb der Jury – vor allem an alle Autorinnen und Autoren, ohne deren Mut es den Bachmannpreis nicht gäbe.

Daniela Strigl

__________________________________________

Nachtrag, 12.10.2014:

Den Offenen Brief gegen die Ausbootung von Frau Strigl als Juryvorsitzende haben bis dato fast 200 Personen unterzeichnet, darunter Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die Bachmannpreisträger Kathrin Passig und Tex Rubinowitz, die Preisträger der Leipziger Buchmesse Saša Staniši? und Clemens J. Setz, Mit-Juror Hubert Winkels, die Ex-Juroren Klaus Nüchtern und Karin Fleischanderl, die TddL-/Literaturkurs-Teilnehmer Olga Flor, Clemens Setz, Martin Fritz, Hanna Lemke, Silvia Szymanski, Nadine Kegele, Martina Hefter, Cornelia Travnicek, Christiane Neudecker, Lydia Mischkulnig, Saša Staniši?, Jan Böttcher, Kathrin Röggla, Julya Rabinowich, Romana Ganzoni, Heike Geißler, Inger-Maria Mahlke, Paul Brodowsky, Karsten Krampitz, Gerhild Steinbuch, Heinz Helle.

 

Protest-/Solidaritätsnote unterzeichnen

Der fertige Text wird morgen früh hier und anderswo veröffentlicht.

Wer in den (Presse-)Mailverteiler zu dieser Aktion aufgenommen werden will oder Fragen zur Aktion hat, kann sich bei mir melden: Read the rest of this entry »

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Sonett für Angela: Nobelpreis-Dankesrede 2031

 

Meine Damen und Herren, verehrte Geschöpfe,

ich danke Ihnen für diesen Preis.

Ich danke für klatschnasse Pinguinköpfe,

und für deren Schatten am Eis.

 

Ich danke für Hüte und Chormusik,

für Schornsteinfeger und Seife.

Ich freue mich auch über Quantenphysik,

auch wenn ich sie nicht begreife.

 

Ich danke für Malkunst in uralten Höhlen,

für Windräder, Mondkarten und Ukulelen,

für freundliche Menschen in Klagenfurt, die

 

auf Gummischwimmtieren entgleisten.

Ich danke der Schwedischen Akademie

und Angela Leinen am meisten.

 

Clemens J.  Setz

 

Frau Monschein geht. Als ob…

Frau Monschein

Als ob nicht Frau Monschein nach fast 12 Jahren Bachmannpreisorganisation zum Abschied mit Kärntnerliedern, wehmütigen Reden und Blumensträußen überhäuft worden wäre. Wenn es sich um eine normale Personalentscheidung handelte, wie mir die Pressestelle des ORF auf meine Frage weismachen wollte:
“Wir bitten um Verständnis, diese Entscheidung zu akzeptieren, dass es nach zwölf Jahren auch eine Änderung geben darf. Diese wurde auch nicht getroffen, weil die Arbeit von Frau Monschein rund um den Bachmannpreis angezweifelt wurde. Sie hat hervorragende Arbeit geleistet.”

Ich kann mir schon kaum vorstellen, dass es Tage der deutschsprachigen Literatur vor Frau Monschein gegeben haben soll, geschweige denn. Michaela Monschein hat einen eigenen Aggregatzustand, der es ihr erlaubt, praktisch fließend immer genau da zu sein, wo sie gebraucht wird. Read the rest of this entry »

Die Kandidaten: Leseproben-Service

Sammlung frei verfügbarer Leseproben und Buchhinweise. Ergänzung in den Kommentaren erwünscht. Es handelt sich um Leseproben auf Autorenseiten, Verlaghinweise, Kindle-Leseproben und sonstige Indizien für eine Autorentätigkeit.
Antonia Baum,
1984, Borken/Berlin

Michel Božikovi?,
1971, Zürich/Zürich

Nina Bußmann,
1980, Frankfurt/Main/Berlin

Gunther Geltinger,
1974, Erlenbach/Köln

Maja Haderlap,
1961, Bad Eisenkappel/Klagenfurt

Thomas Klupp,
1977, Erlangen/Berlin

Steffen Popp,

1978, Greifswald/Berlin

Anna Maria Praßler, 

1983, Lauingen/Berlin

Bisher nichts gefunden.

Julya Rabinowich,

1970, Sankt Petersburg/Wien

Leif Randt,

1983, Frankfurt/Main, Berlin

Linus Reichlin,

1957 Aarau/Berlin

Anne Richter,

1973, Jena/Heidelberg

Nichts gefunden, mag auch an dem googlefesten Allerweltsnamen liegen.

Nachtrag auf Hinweis von Mikel Bower (Kommentar): Hörprobe

Maximilian Steinbeis,

1970, München/Berlin

Daniel Wisser

1971, Klagenfurt/Wien

Die Kandidaten: Leif Randt

Nachtrag: Und hier im Video.

Zaghafter Beginn der Kandidatenvorstellung. Der erste, der mir über den Weg läuft, ist Leif Randt, “Mein Buch ist aus Versehen politisch” heißt die Überschrift des Interviews in der Zeit:

Auf die Frage, was junge deutsche Literatur sei: Oft Beziehungsgeschichten, die in jungen, akademischen Milieus stattfinden, in Großstädten, in WG-Küchen, in denen die Morgensonne in einem bestimmten Winkel hereinfällt, während der Kaffee gekocht wird. Und es gibt ziemlich abgründige Emotionen, die oft mit der Familie zu tun haben. Man ist sehr medienerfahren, die Figuren haben viele Serien und Filme gesehen, es herrscht eine Grundabgeklärtheit. Die Konflikte sind unausgesprochen und schweben. Die Dinge werden nicht beim Namen genannt, sondern durch die genaue Beschreibung der Sonne auf dem Küchentisch ausgedrückt. Das kann oft ganz schlimm sein, manchmal aber auch gut.

Der Name ist mir bekannt, aber ich weiß nicht woher. Sein erster Roman heißt “Leuchtspielhaus”, es gibt ihn als eBook/Kindle, das heißt, man kann sich die ersten 10% des Buches als Leseprobe kostenlos herunterladen. Auch wenn man kein eBook besitzt sondern sich nur die Kindle-Software auf irgendeines seiner Geräte lädt. Wahrscheinlich geht’s auch anders.

Erster Satz (Kapitelüberschrift “FLYBOYS>>”): “In keinem englischen Februar gab es häufiger Bodenfrost, diverse rote Steinfassaden sind von dünnem Eis überzogen.” Klassischer Einstieg also: Location und Wetter.  Ich-Perspektive. Es geht um den seltsamen Frisiersalon von Eric und Helen, eine Art Verein, dessen “Members” jeden Monat eine andere Frisur tragen (“Unsere Januar-Frisur steht ihm sehr.”). Weiteres verbindendes Element sind “die Bea-Skizzen”, zum Beispiel in der Russian Bar “auf dem Mädchenklo”. Man verständigt sich über “Member-Mobilfunk-Verteiler” per “Ketten-SMS” – drollig. Und über einen “Bea-Piratensender”. Es werden noch Videokassetten verschickt! Stammt die Geschichte aus dem vorigen Jahrtausend? Nein, das gehört zum Konzept: Austritt bei Facebook ist quasi Voraussetzung für den Frisiersalon-Eintritt. Man macht was mit Film, geht in hippe Bars und kommt aus Hessen. Namen: Helen, Anvar, Nora, Robert, Den Rest des Buches werde ich nicht kaufen. Ich bin zu alt.

Das neue Buch, erfahre ich aus dem ZEIT-Interview, spielt in einer fiktiven Stadt am Meer (wieder England?) und handelt, nun ja. Leif Randt: “Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive erzählt, von Wim Endersson, einem erfolgreichen jungen Literaturagenten, der an der School of Arts and Economics studiert und CobyCounty noch nie für längere Zeit verlassen hat.” Und von seinen Eltern, Schriftstellern und Erlebnisgastronomen oder so. Mir schwant.

Vorausgeworfene Schatten

Bachmannpreis 2011 wirft seine Schatten voraus: Im Musilhaus wurden die Teilnehmer des Klagenfurter Literaturkurses bekanntgegeben. Ich freue mich, dass Martin Fritz dabei ist, der im vorigen Jahr von dort für den Standard fm4 gebloggt hat und mir als Zuschauerin des Open Mike 2009 mit einer Eichhörnchengeschichte eine große Freude gemacht hat. Eichhörnchen und Autor sind im Bachmannpreisbuch erwähnt. Die Wettbewerbsteilnehmer werden am 24. Mai bekanntgegeben.

Der letzte Blogeintrag stammt von Anfang Februar. Was seitdem geschah: Read the rest of this entry »

Die Ausreißerkultur

Meine Oma, die eine echte Dame war, pflegte einen gepflegten Aufmerksamkeitsstil. Ihre alltägliche Aufmerksamkeit bestand darin, ihren Freunden und Verwandten per Post Zeitungsausrisse zu schicken. Kommentarlos, nur die Quelle (meistens die drei Buchstaben FAZ plus Datum) an den Rand gekritzelt. Wie schon gesagt, üblicherweise aus der “Frankfurter”, davon gerne die “Tiefdruckbeilage” (Bilder und Zeiten), manchmal aber auch aus dem Rheinischen Merkur oder der “Bonner Rundschau”, dann vom Nachbarn übernommen, denn den General-Anzeiger lasen wir ja alle selber. General-Anzeiger ist seit jeher gut, weil Familie Neusser, die eine Villa am Rhein hat, Rundschau böse, weil Neven DuMont gleich Köln gleich Express und gleich Tycoon. Aber wenn die Enkelin Chorkonzert hatte, soll sie ja auch wissen, was darüber in der Rundschau stand.

Ich bekam also Ausrisse über Hellmuth Rillings Bach-Einspielungen, über Walter Kempowski und über die Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche, zum Beispiel, und wenn jemand ein Buch erwähnte, standen die Chancen nicht schlecht, dass es beim nächsten Besuch hieß, “ich habe da einen Ausriss”. Man wird ja im Alter wunderlich, und vor einiger Zeit habe ich auch mit der Ausreisserei angefangen. Ich könnte mir auch einen FAZ-Online-Zugang kaufen, aber wozu? Dinge die ich suche, finde ich sowieso, per Alert, per Link. Dinge, die ich nicht suche, finde ich beim Blättern, und diese Art von Blättern kriege ich bisher rein physisch nicht hin. Überfliegen, Querlesen, Scannen. Am Esstisch sitzend, rechter Fuß unterm Hintern, Kaffeetasse auf der Zeitung. Ich reiße aus in den Kategorien “Anregung für irgendwas” (zum Beispiel Buch), “zu lang, später lesen” (zum Beispiel die dreiviertelseitige Zusammenfassung dessen, was der Papst in diesem Buch gesagt hat), “in ein bestimmtes Buch legen” (seltener Rezensionen, dafür gibt es ja Perlentaucher, eher was zum Hintergrund) und “Haben wollen” bei Hinweisen auf Sachen, meist Bücher, auf die mich das Geschriebene gehetzt hat.

Ich leite jetzt keinen Streit Papier contra Nullenundeinsen ein. Solange ich noch Papierbücher lese, freue ich mich immer, wenn beim Aufschlagen irgendwas längst Vergessenes herausfällt, der schöne Gernhardt-Nachruf aus der Gedichtsammlung zum Beispiel. Was den Rest angeht, so habe ich ein kleines Archivierungsproblem. Es gibt da eine unkontrollierte Haufenbildung. Was ich wirklich für irgendwas brauchen kann, wandert entweder als Einlage in ein Buch oder digitalisiert in irgendeine Materialsammlung, zum Beispiel Evernote. Läge alles schon digital vor, müsste man es ja auch verwalten, also archivieren oder wegwerfen. Irgendwann kann man dem E-Book den E-Artikel als Link oder Anlage zufügen. Der Ausriss besteht dann halt auch aus Nullen und Einsen. Was mir dabei fehlen würde: Die Rückseite. Die Zufalls-, die Abfallinformation, deretwegen ich meistens die ganze Seite ausreiße. Könnte man nicht den E-Artikeln auch so eine Rückseite mit einer zufälligen Meldung vom selben Tag verpassen?