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Offener Brief von Juror Arno Dusini

Erschienen heute im Falter, Wien.

Mit freundlicher Erlaubnis von Herrn Dusini:

Sehr geehrter Herr Dr. Wrabetz,

als diesjähriges Jurymitglied der »Tage der deutschsprachigen Literatur« möchte ich Sie fragen, was der ORF resp. 3SAT mit der Ausrichtung dieses Preises, der sich anspruchs­voll auf Ingeborg Bachmann beruft, eigentlich für Probleme hat. Sind es die richtigen?

Die Ausbootung der langjährigen, exzellenten und medial über beste Zustimmungswerte verfügenden Literaturkritikerin Daniela Strigl ist die desaströse Lösung für ein Problem, das es nie gegeben hat.

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Offener Brief an ORF, ORF Kärnten, 3sat Österreich

Unterzeichnen ist weiterhin möglich, ich kann die hinzugekommenen Namen aber nur verzögert einbauen. Text mit jeweils aktueller Liste

 

Wir missbilligen, dass Frau Strigl bei der Auswahl des neuen Juryvorsitzes der Tage der deutschsprachigen Literatur übergangen wurde.

Auch auf Wunsch der gesamten Bachmannpreis-Jury war Daniela Strigl im Januar vom hierfür zuständigen ORF Kärnten gefragt worden, ob sie bereit sei, den Juryvorsitz zu übernehmen. Im Juli gab sie dem ORF ihre Zusage. Vor wenigen Tagen erhielt sie vom ORF eine Absage.

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Presseerklärung von Daniela Strigl

Im Jänner dieses Jahres, als Burghard Spinnen seinen Rückzug als Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises intern bekanntgab, wurde ich vom ORF Kärnten als Veranstalter gefragt, ob ich Spinnens Nachfolge antreten wolle.

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Sonett für Angela: Nobelpreis-Dankesrede 2031

 

Meine Damen und Herren, verehrte Geschöpfe,

ich danke Ihnen für diesen Preis.

Ich danke für klatschnasse Pinguinköpfe,

und für deren Schatten am Eis.

 

Ich danke für Hüte und Chormusik,

für Schornsteinfeger und Seife.

Ich freue mich auch über Quantenphysik,

auch wenn ich sie nicht begreife.

 

Ich danke für Malkunst in uralten Höhlen,

für Windräder, Mondkarten und Ukulelen,

für freundliche Menschen in Klagenfurt, die

 

auf Gummischwimmtieren entgleisten.

Ich danke der Schwedischen Akademie

und Angela Leinen am meisten.

 

Clemens J.  Setz

 

Frau Monschein geht. Als ob…

Frau Monschein

Als ob nicht Frau Monschein nach fast 12 Jahren Bachmannpreisorganisation zum Abschied mit Kärntnerliedern, wehmütigen Reden und Blumensträußen überhäuft worden wäre. Wenn es sich um eine normale Personalentscheidung handelte, wie mir die Pressestelle des ORF auf meine Frage weismachen wollte:
“Wir bitten um Verständnis, diese Entscheidung zu akzeptieren, dass es nach zwölf Jahren auch eine Änderung geben darf. Diese wurde auch nicht getroffen, weil die Arbeit von Frau Monschein rund um den Bachmannpreis angezweifelt wurde. Sie hat hervorragende Arbeit geleistet.”

Ich kann mir schon kaum vorstellen, dass es Tage der deutschsprachigen Literatur vor Frau Monschein gegeben haben soll, geschweige denn. Michaela Monschein hat einen eigenen Aggregatzustand, der es ihr erlaubt, praktisch fließend immer genau da zu sein, wo sie gebraucht wird. Read the rest of this entry »

Die Kandidaten: Leseproben-Service

Sammlung frei verfügbarer Leseproben und Buchhinweise. Ergänzung in den Kommentaren erwünscht. Es handelt sich um Leseproben auf Autorenseiten, Verlaghinweise, Kindle-Leseproben und sonstige Indizien für eine Autorentätigkeit.
Antonia Baum,
1984, Borken/Berlin

Michel Božikovi?,
1971, Zürich/Zürich

Nina Bußmann,
1980, Frankfurt/Main/Berlin

Gunther Geltinger,
1974, Erlenbach/Köln

Maja Haderlap,
1961, Bad Eisenkappel/Klagenfurt

Thomas Klupp,
1977, Erlangen/Berlin

Steffen Popp,

1978, Greifswald/Berlin

Anna Maria Praßler, 

1983, Lauingen/Berlin

Bisher nichts gefunden.

Julya Rabinowich,

1970, Sankt Petersburg/Wien

Leif Randt,

1983, Frankfurt/Main, Berlin

Linus Reichlin,

1957 Aarau/Berlin

Anne Richter,

1973, Jena/Heidelberg

Nichts gefunden, mag auch an dem googlefesten Allerweltsnamen liegen.

Nachtrag auf Hinweis von Mikel Bower (Kommentar): Hörprobe

Maximilian Steinbeis,

1970, München/Berlin

Daniel Wisser

1971, Klagenfurt/Wien

Die Kandidaten: Leif Randt

Nachtrag: Und hier im Video.

Zaghafter Beginn der Kandidatenvorstellung. Der erste, der mir über den Weg läuft, ist Leif Randt, “Mein Buch ist aus Versehen politisch” heißt die Überschrift des Interviews in der Zeit:

Auf die Frage, was junge deutsche Literatur sei: Oft Beziehungsgeschichten, die in jungen, akademischen Milieus stattfinden, in Großstädten, in WG-Küchen, in denen die Morgensonne in einem bestimmten Winkel hereinfällt, während der Kaffee gekocht wird. Und es gibt ziemlich abgründige Emotionen, die oft mit der Familie zu tun haben. Man ist sehr medienerfahren, die Figuren haben viele Serien und Filme gesehen, es herrscht eine Grundabgeklärtheit. Die Konflikte sind unausgesprochen und schweben. Die Dinge werden nicht beim Namen genannt, sondern durch die genaue Beschreibung der Sonne auf dem Küchentisch ausgedrückt. Das kann oft ganz schlimm sein, manchmal aber auch gut.

Der Name ist mir bekannt, aber ich weiß nicht woher. Sein erster Roman heißt “Leuchtspielhaus”, es gibt ihn als eBook/Kindle, das heißt, man kann sich die ersten 10% des Buches als Leseprobe kostenlos herunterladen. Auch wenn man kein eBook besitzt sondern sich nur die Kindle-Software auf irgendeines seiner Geräte lädt. Wahrscheinlich geht’s auch anders.

Erster Satz (Kapitelüberschrift “FLYBOYS>>”): “In keinem englischen Februar gab es häufiger Bodenfrost, diverse rote Steinfassaden sind von dünnem Eis überzogen.” Klassischer Einstieg also: Location und Wetter.  Ich-Perspektive. Es geht um den seltsamen Frisiersalon von Eric und Helen, eine Art Verein, dessen “Members” jeden Monat eine andere Frisur tragen (“Unsere Januar-Frisur steht ihm sehr.”). Weiteres verbindendes Element sind “die Bea-Skizzen”, zum Beispiel in der Russian Bar “auf dem Mädchenklo”. Man verständigt sich über “Member-Mobilfunk-Verteiler” per “Ketten-SMS” – drollig. Und über einen “Bea-Piratensender”. Es werden noch Videokassetten verschickt! Stammt die Geschichte aus dem vorigen Jahrtausend? Nein, das gehört zum Konzept: Austritt bei Facebook ist quasi Voraussetzung für den Frisiersalon-Eintritt. Man macht was mit Film, geht in hippe Bars und kommt aus Hessen. Namen: Helen, Anvar, Nora, Robert, Den Rest des Buches werde ich nicht kaufen. Ich bin zu alt.

Das neue Buch, erfahre ich aus dem ZEIT-Interview, spielt in einer fiktiven Stadt am Meer (wieder England?) und handelt, nun ja. Leif Randt: “Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive erzählt, von Wim Endersson, einem erfolgreichen jungen Literaturagenten, der an der School of Arts and Economics studiert und CobyCounty noch nie für längere Zeit verlassen hat.” Und von seinen Eltern, Schriftstellern und Erlebnisgastronomen oder so. Mir schwant.

Vorausgeworfene Schatten

Bachmannpreis 2011 wirft seine Schatten voraus: Im Musilhaus wurden die Teilnehmer des Klagenfurter Literaturkurses bekanntgegeben. Ich freue mich, dass Martin Fritz dabei ist, der im vorigen Jahr von dort für den Standard fm4 gebloggt hat und mir als Zuschauerin des Open Mike 2009 mit einer Eichhörnchengeschichte eine große Freude gemacht hat. Eichhörnchen und Autor sind im Bachmannpreisbuch erwähnt. Die Wettbewerbsteilnehmer werden am 24. Mai bekanntgegeben.

Der letzte Blogeintrag stammt von Anfang Februar. Was seitdem geschah: Read the rest of this entry »

Die Ausreißerkultur

Meine Oma, die eine echte Dame war, pflegte einen gepflegten Aufmerksamkeitsstil. Ihre alltägliche Aufmerksamkeit bestand darin, ihren Freunden und Verwandten per Post Zeitungsausrisse zu schicken. Kommentarlos, nur die Quelle (meistens die drei Buchstaben FAZ plus Datum) an den Rand gekritzelt. Wie schon gesagt, üblicherweise aus der “Frankfurter”, davon gerne die “Tiefdruckbeilage” (Bilder und Zeiten), manchmal aber auch aus dem Rheinischen Merkur oder der “Bonner Rundschau”, dann vom Nachbarn übernommen, denn den General-Anzeiger lasen wir ja alle selber. General-Anzeiger ist seit jeher gut, weil Familie Neusser, die eine Villa am Rhein hat, Rundschau böse, weil Neven DuMont gleich Köln gleich Express und gleich Tycoon. Aber wenn die Enkelin Chorkonzert hatte, soll sie ja auch wissen, was darüber in der Rundschau stand.

Ich bekam also Ausrisse über Hellmuth Rillings Bach-Einspielungen, über Walter Kempowski und über die Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche, zum Beispiel, und wenn jemand ein Buch erwähnte, standen die Chancen nicht schlecht, dass es beim nächsten Besuch hieß, “ich habe da einen Ausriss”. Man wird ja im Alter wunderlich, und vor einiger Zeit habe ich auch mit der Ausreisserei angefangen. Ich könnte mir auch einen FAZ-Online-Zugang kaufen, aber wozu? Dinge die ich suche, finde ich sowieso, per Alert, per Link. Dinge, die ich nicht suche, finde ich beim Blättern, und diese Art von Blättern kriege ich bisher rein physisch nicht hin. Überfliegen, Querlesen, Scannen. Am Esstisch sitzend, rechter Fuß unterm Hintern, Kaffeetasse auf der Zeitung. Ich reiße aus in den Kategorien “Anregung für irgendwas” (zum Beispiel Buch), “zu lang, später lesen” (zum Beispiel die dreiviertelseitige Zusammenfassung dessen, was der Papst in diesem Buch gesagt hat), “in ein bestimmtes Buch legen” (seltener Rezensionen, dafür gibt es ja Perlentaucher, eher was zum Hintergrund) und “Haben wollen” bei Hinweisen auf Sachen, meist Bücher, auf die mich das Geschriebene gehetzt hat.

Ich leite jetzt keinen Streit Papier contra Nullenundeinsen ein. Solange ich noch Papierbücher lese, freue ich mich immer, wenn beim Aufschlagen irgendwas längst Vergessenes herausfällt, der schöne Gernhardt-Nachruf aus der Gedichtsammlung zum Beispiel. Was den Rest angeht, so habe ich ein kleines Archivierungsproblem. Es gibt da eine unkontrollierte Haufenbildung. Was ich wirklich für irgendwas brauchen kann, wandert entweder als Einlage in ein Buch oder digitalisiert in irgendeine Materialsammlung, zum Beispiel Evernote. Läge alles schon digital vor, müsste man es ja auch verwalten, also archivieren oder wegwerfen. Irgendwann kann man dem E-Book den E-Artikel als Link oder Anlage zufügen. Der Ausriss besteht dann halt auch aus Nullen und Einsen. Was mir dabei fehlen würde: Die Rückseite. Die Zufalls-, die Abfallinformation, deretwegen ich meistens die ganze Seite ausreiße. Könnte man nicht den E-Artikeln auch so eine Rückseite mit einer zufälligen Meldung vom selben Tag verpassen?

Frage 21: Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast

Es gab sicher blödere (“Der gute Mensch von Sezuan” hat mich z.B. wegen seiner Plumpheit geärgert), ich verdrehe einfach die Frage und frage: Gegen welches Buch, das Du als Schullektüre gelesen hast, hattest Du den größten Widerwillen? Und muss sagen: Das war “Der Fänger im Roggen” in der Übersetzung von Heinrich Böll. Neunte Klasse wohl, der Deutschlehrer ein tumber Tor, mit dem ich diskutieren wollte, warum wir im Deutschunterricht eine Übersetzung lesen, wenn nicht die Übersetzung selber das Thema ist. Ob es denn keine deutschen Bücher gebe und man die englischen dem Englischunterricht überlassen könne.

Ich hatte mir bis dahin sehr wenig Gedanken über Übersetzungen gemacht, wer bitte hatte Hanni und Nanni übersetzt? Völlig egal. Die Übersetzung spielte nur bei Micky Maus usw. eine Rolle, und Erika Fuchs war Gott. Jetzt war “Der Fänger im Roggen” aber nicht von irgendeinem unbekannten Übersetzerprofi übersetzt worden, das hätte ich noch eher akzeptieren können, sondern von Heinrich Böll. Von dem hatte ich “Haus ohne Hüter” und (wegen Bonn) das Ding mit dem Clown gelesen, ohne es schlimm zu finden. Aber gerade weil er selber Schriftsteller war, traute ich ihm als Übersetzer nicht über den Weg, sondern verdächtigte ihn, aus Salingers Buch sein eigenes gemacht zu haben.

Und wenn schon, dann wollte ich doch Salingers Buch lesen. Aber nicht auf Englisch (zu mühsam und fehleranfällig), sondern in einer gescheiten demütigen Übersetzung von einem professionellen Übersetzer.  Ich kann mich übrigens kaum daran erinnern, was in dem Buch stand. Nicht abgespeichert wohl, weil ich beim Lesen die ganze Zeit vermutete, den falschen Fänger im Roggen zu lesen.

(Bei Wikipedia die unübersichtliche Geschichte der Böll-Übersetzung).