11. October 2007 - 11:10 Uhr
…und hinten noch eine halbe Seite Grass. Thema: Günter Grass und seine Geburtstagstorte.
…und hinten noch eine halbe Seite Grass. Thema: Günter Grass und seine Geburtstagstorte.
Nun ist ja Walter Kempowski extra am Freitagmorgen gestorben, damit die Zeit die letzte ist, die ihren Nachruf bringt. Dass der Literaturteil mit Grass 80stem aufgemacht wird, ist der erste Nachtritt. Der Zweite: Dass er sich die dritte Seite mit einer ebenfalls toten Marianne Fritz teilen muss. Und es geht so weiter: Kein Literaturredakteur, nicht die wirre Chefin, sondern Freund Harig schreibt als Gast. Ganz nett als Zugabe, wenn das aber alles ist, was die Zeit ihrem Anzeigenkunden über Jahrzehnte gönnt. “Ich lese diese Zeitung nicht”, zitierte die FAS ihn am vergangenen Sonntag. Aufs Nartumer Grab gelegt: Zu Recht.Und wo ist eigentlich Raddatz, der alte Angeber?
(Wo wohl? Vorne bei Grass natürlich.)
Gerhard Henschels Nachruf auf Walter Kempowski in der taz.
“Aus Zuneigung zu den Menschen, denen das Rad der Geschichte über den Nacken gewälzt worden war, entschloss Kempowski sich dazu, in seinem Haus ein Archiv unpublizierter Autobiografien einzurichten.”
Hier meine eigenen Erinnerungen an Walter Kempowski
Vorsatz: Mehr nach Kempowski bloggen. Er hat mir, damals 14, ein paar Anweisungen zum Tagebuchschreiben erteilt, die ich nur gelegentlich befolge. Aufschreiben, was es zu essen gab, wie das Wetter war, eine aktuelle Nachricht, was ich im Fernsehen sah, welche Musik ich hörte.
Walter Kempowski gestorben.
für “furchtbar”, Herr Kempowski war ganz reizend, ich lach ja auch beim Lesen ziemlich viel, und wie er liest, will er auch, dass man lacht, aber zugleich den Eindruck erwecken, dass ER das überhaupt nicht komisch findet. Dass man also über IHN und seine leicht verschobene (nicht: verschrobene oder doch nur ein bisschen verschrobene) Sicht lacht, nicht über erfundene Pointen. Denn aus seiner Sicht ist das alles völlig richtig.

Er trug übrigens einen grauen Anzug, lichtschluckend grau, grauer geht’ s nicht, aus einem Stoff, der Tuch genannt werden möchte, darunter einen ebenfalls grauen Pullunder Weiterlesen »
Eigentlich müsste es heißen: Susanne betrügt mich mit Kempowski. Wenn Susanne einmal prominent wird, werde ich den Titel zu ihren Gunsten ändern.
Susanne und ich waren 14 Jahre alt und in einer Klasse. Bücher und Bach waren unsere gemeinsamen Themen. Pferde und Küssen dagegen interessierte sie nicht.
Nach einer Lesung des von uns verehrten Walter Kempowski stellten wir uns am Signiertisch an, erhielten hübsche Widmungen in unsere Taschenbücher; die Frage, ob wir alt genug für seine Literaturseminare seien, beantwortete er positiv: Er würde sich freuen und uns zu seiner Rechten und Linken setzen, damit wir zustimmend nicken oder bedenklich die Köpfchen wiegen könnten, wenn jemand etwas Kluges oder Dummes sagt. Seine Adresse laute Kreienhoop Nartum, wir mögen ihm schreiben.
Es entspann sich ein keuscher Briefwechsel, Weiterlesen »

Heute abend gehe ich zur einer Lesung. Nein, keine Bloglesung. Walter Kempowski liest irgendwas, und ich weiß schon, dass es furchtbar wird. Furchtbar und prima. Denn ich habe ihn gestern morgen auf der Fahrt nach Gummersbach im Radio gehört.
Im Januar 1983 war ich mit Freundin Susanne bei einem Literaturseminar bei Kempowski in Nartum, mit 14. Weiterlesen »
Alberto Balsam erinnert mich im Forum Höfliche Paparazzi an Walter Kempowski.
B.w ar letzte Woche in Bergisch Gladbach bei einer Lesung, ich hab mir das gespart, Herr Kempowski hat keine gute Vorlesestimme, und ich hatte eine konkrete Vorstellung von der Zuhörerschaft. Es wurden wohl im Anschluss typische Fragen gestellt, wie: warum er das Echolot nicht mit Kommentaren versehen habe. Wenn die Russen im Autopsiebericht Hitlers einfach das Loch im Kopf verschweigen, da müsste man doch in eine Fußnote schreiben, dass das gar nicht stimmt.
Als fragte man Yves Klein, warum er nicht mal was schönes Braunes auf seine Bilder macht.
Bei aller Schrullig- und Nörgeligkeit über die Missachtung der Kritik -
Recht hat er schon. In letzter Zeit haben das ein paar junge In-Autoren
(Stuckrad-Barre in “Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft” und Gerhard Henschel) eingesehen. Kempowski konnte man lange nur unter vorgehaltener Hand gut finden, meint er, weil er die DDR nicht so gut fand. Oder reduziert auf Komödie, Zitate, Versatzstücke. Anders als der nur stellenweise amüsante subjektive Quatsch von später (Hundstage, Letzte Grüße) ist die “Deutsche Chronik” wirklich ganz große Literatur. Und das Echolot die Fortsetzung mit anderen Mitteln. Die einzige Geschichte, die er erzählen kann, ist seine eigene Geschichte. Und weil die erzählt ist, lässt er nun andere zu Wort kommen, das finde ich angenehm… demütig.
Renate lebt übrigens als Hundetrainerin in Californien.