Buchpreis 2010 - “Juja” von Haratischwili, “Madalyn” von Köhlmeier

2. September 2010 - 08:41 Uhr

Michael Köhlmeier:

Nino Haratischwili

Ich las am Dienstag kurz vorm Einschlafen die Leseprobe von “Juja” und wusste am nächsten Tag nichts mehr davon. Brachte stattdessen gestern mittag “Madalyn” von Köhlmeier zuende. Von Köhlmeier kannte ich bis dahin “Spielplatz der Helden” und das mit dem Hund. Es ist etwas seltsam mit Köhlmeier und mir. Vorherrschendes Gefühl beim Lesen: Sympathie für den Autor. Jaja, es ist zu unterscheiden zwischen dem Erzähler und dem Autor, auch wenn der Erzähler immer Autor ist und immer “ich” heißt.

Der Madalyn-Erzähler ist nicht Köhlmeier, bzw. weniger Köhlmeier als der “Spielplatz der Helden”-Erzähler und der (genau, nachgeschaut:) “Idylle mit ertrinkendem Hund”-Erzähler. Da ist immer so ein milder Blick auf die Figuren, eine Milde, die sich ein Autor nicht ausdenken kann für seine Helden, wenn er sie nicht selber hat. Alle Geschichten sind gleich groß, und immer geht es um Leben und Tod. Egal, wie groß die Geschichte tatsächlich ist. Durchquerung des grönländischen Inlandeises (Kälte, Erschöpfung, Hunger, Hass), Weiterleben nach dem Tod der Tochter (Paula Köhlmeier), ja klar: Leben und Tod. Und Liebeskummer einer 14-Jährigen ist für die Vierzehnjährige auch eine Frage von Leben und Tod. Beim Lesen schon überlegt, ob “Madalyn” ein kleines Buch ist mit einer kleinen Geschichte. Aber darauf kommt es nicht an. Was ich schon bei “Spielplatz der Helden” mochte: Wie selbstbewusst der Erzähler (in allen drei Büchern von Beruf Autor) das erzählt, was er sich doch nur zusammenreimen kann. Viel mehr, flüssiger, detaillierter und distanzierter erzählt er, als der Erzähler beim Mittagessen von Madalyn erfahren haben kann. Und in “Spielplatz der Helden” mehr, als er von Robert Peroni erfahren haben kann. Und gibt dabei in der Sprache gerade so viel Backfischsprache oder so viel Grönlandeisdurchquerersprache zu, dass der Leser mit der Figur geht. Ein guter Erzähler.

Nino Haratischwili also. Eine junge Autorin aus Georgien, da bin ich voreingenommen, denn alle Georgierinnen, die ich bisher getroffen habe, waren höchst erfreuliche Wesen. Ich habe das Buch nach der Leserprobe etwas vorschnell in “nicht 1. Person” gepackt. Inzwischen weiß ich, dass das Buch neun Erzählerinnen hat, von denen eine “ich” ist. Die Probe beginnt mit einem Zitat, ich vermute (ich habe mich informiert) aus dem Buch, das Teil der Geschichte ist. Die Autorin nennt es “Eiszeit” von Jeanne Saré (oder auch nicht). Tatsächlich heißt es “Arsenikblüten” und soll von Dannielle Sarréra stammen. Oder auch nicht. Sekundärwissen. Klarer Fall von: Man müsste das ganze Buch lesen. Jaja, das gilt für alle, eventuell. Aber für manche mehr, für manche weniger. Weniger möglicherweise (für mich persönlich) für das Buch von Thomas Hettche “Die Liebe der Väter”.

In dem Ausschnitt geht eine 17-jährige (Saré), die die Erzählerin (die aktuelle Erzählerin) sich vorstellt (lange Haare? kurze Haare?) durch Paris, haut sich absichtlich die Nase an einer Schaufensterscheibe und lässt sich dann von einer anderen jungen Frau (Fanny) ins Café einladen. Ob es Saré je gegeben hat, wer weiß. Gibt es Fanny? Das Buch “Eiszeit” gibt es, das ist sicher. Kleine Ungenauigkeit: “Auf der Schachtel war ein Werbebild für ein Hotel irgendwo in der Provence”. Wie erkennt man auf einer Streichholzschachtel, dass ein abgebildetes Hotel “irgendwo in der Provence” liegt? Würde man nicht, wenn man überhaupt etwas erkennen könnte, die Stadt lesen können? Oder den Namen? Und würde man dann nicht genau das vorstellen? “ein Hotel in Aix-en-Provence” zum Beispiel? Aber egal, denn das ist mit der Erzählweise erklärbar: Schließlich nichts Genaues weiß man nicht. Wäre komisch, wenn die Erzählerin, wo sie schon die Frisur von Saré erfinden muss, den Namen des Hotels lesen könnte. Im Café redet Saré über Niobe, Apollon und Artemis… Ich wittere schon mythologische Überfrachtung.

Eventuell kaufe ich das Buch. Ich bin interessiert. Haufenweise Erzählerinnen, das ist schon mal was Anderes, außerdem mag ich es, wenn wahre Geschichten versteckt sind. Thema ist Wahrheit, Lüge, erzählerische Freiheit. Behaupte ich. Und natürlich Frauendinge. Und Selbstmord.

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Buchpreis 2010

31. August 2010 - 17:28 Uhr

Die Leseproben also. “Madalyn” von Köhlmeier habe ich, es liegt halb ausgelesen in meinem Bett. Wir vier habe ich auch, noch nicht angefangen, aber einen Ausschnitt in Klagenfurt gehört, ebenfalls Ausschnitte: Wawerzinek und Zander. Magnusson schon Anfang der Jahres gelesen und sogar noch ein Zitat für “Wie man den Bachmannpreis gewinnt” gefunden (die Tetris-Sache).

Womit anfangen? Ich denke mir was aus: Ich beginne mit einem Text, der nicht in Ich-Form geschrieben ist, von einem Autor, der noch nicht in Klagenfurt gelesen hat und nicht in Berlin lebt. Mal sehen, ob es einen gibt.

Ich blättere im Leseprobenband und versuche zu sortieren. Sechs Autorinnen, die aus Jekaterinenburg/Frankfurt am Main, Tiflis/Hamburg, Köln/Berlin, Sibirien/Frankfurt am Main, Serbien/Zürich und Anklam/Greifswald stammen. 14 Autoren -  Prag/Ostberlin, Treis bei Gießen, Stuttgart/Amsterdam,Vorarlberg, Speyer, Zagreb/Bremen, Hamburg/Island, Bad Nauheim, Frankfurt am Main/Frankfurt am Main/Frankfurt am Main, Tel Aviv/Wien, Reichenbach im Vogtland/Berlin, Hamburg/Griechenland/Berlin, Rostock/Prenzlauer Berg, Freiburg. Ein paar wenige leben inzwischen in Berlin. Frankfurt am Main schlägt Berlin.

Nicht in der Ich-Form geschrieben:

  • “Juja” von Nino Haratischwili
  • “Das amerikanische Hospital” von Michael Kleeberg
  • “Andernorts” von Doron Rabinovici
  • “Kokoschkins Reise” von Hans Joachim Schädlich
  • “Wir vier” von Andreas Schäfer
  • “Dinge, die wir heute sagen” von Judith Zander

Sechs von zwanzig.

Bereits in Klagenfurt gewesen:

  • Alina Bronsky (2008)
  • Kristof Magnusson (2005)
  • Thomas Hettche (1989 und später als Juror)
  • Michael Kleeberg (1993)
  • Michael Köhlmeier (1984)
  • Andreas Maier (2000)
  • Martin Mosebach (1983)
  • Melinda Nadj Abonji (2004)
  • Doron Rabinovici (1994)
  • Andreas Schäfer (2009)
  • Peter Wawerzinek (1991 und 2010)
  • Judith Zander (2010)

Ich beginne also mit “Juja” von Nino Haratischwili. Der einzige Text, der die Vorgaben vom Anfang erfüllt.

Ich werde genau weiter berichten.

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Buchpreis

25. August 2010 - 12:25 Uhr

In der Buchhandlung Jost in Kessenich bekomme ich als Dreingabe zur Herrenausstatterin, einem kleinen Buch von Robert Bolano (das mit den Ziffern liegt hier noch bräsig herum) und Uwe Johnsons Gespräche mit Fluchthelfern ein Büchlein mit Leseproben zum Deutschen Buchpreis. Longlistleseproben.

Im Vorigen Jahr las ich die Pröbchen online auf dem iPhone. Erkenntnis daraus: Dass diese Herta Müller in einer eigenen Liga spielt. Im Buchpreis-Wettbüro hätte ich damit vergeigt, aber als sie dann - zuerst noch zaghaft - für den Nobelpreis ins Geraune kam, leuchtete mir das sofort ein.

Ich werde weiter berichten.

(Wie oft verspreche ich das hier und halte es dann nicht?)

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21. August 2010 - 18:46 Uhr

Übrigens.

Ich lebe noch. Erkläre die Blogpause mit einer wasserreichen Reise über die Pfalz und das Jura ins südfranzösische Departement Aude, über Dordogne, Nizza und Italien nach Slowenien, von dort durch Österreich, Bayern, Franken, Thüringen, Sachsen nach Brandenburg und über Berlin zurück nach Hause. War alles schön. Später vielleicht mehr. Bis dahin nehmt dies, mein Lieblingsbild des Sommers:Friedhofstrecke Soca/Slowenien, Ausgangsschwall

Soca (Slowenien), Friedhofstrecke, Ausgangsschwall.

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Empfehlung:

14. Juli 2010 - 18:53 Uhr

Frau Freitag investiert.

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Fußballcontent

2. Juli 2010 - 10:31 Uhr
  • 2. Finalrunde 1978, Tag der “Schmach von Cordoba”
  • Viertelfinale 2006, Deutschland-Argentinien
  • Viertelfinale 2010, Deutschland-Argentinien

(Besuche im Phantasialand - vier Jahre jeweils verweise ich meine Kinder auf die Viertelfinalchance Deutschlands bei der WM. Auch dieses Jahr haben sie wieder Glück. Vielleicht wieder so viel wie vor vier Jahren, als wir zum Elfmeterschießen wieder zu Hause waren. Die Aussicht auf anstehfreies Wildwasserbahnfahren schlägt sogar die Fußballbegeisterung der Zwei. 1978 gab es übrigens kein Viertelfinale, da wurden nach den ersten Gruppenrunden neue Gruppen gebildet.)

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Nachrichtenlage 12

1. Juli 2010 - 16:01 Uhr

Ich habe mich möglicherweise ungeschickt ausgedrückt gestern: Selbstverständlich, liebe FAZ, finde ich es voll super, dass Ihr 104 Zeilen über die Tätowierung von Bettina Wulff in eure Zeitung schreiben lasst. Womöglich würden wir sonst immer noch ohne Bundespräsidenten dastehen.

Und morgen bringt Ihr mir schön wieder die Zeitung ins Haus, auch die von heute.

Das Fehlen der FAZ ist heute nicht ganz so schlimm, wie es wäre, wäre nicht Donnerstag, und die dicke ZEIT füllte den Platz. Bereits jetzt möchte ich mich bei Harald Martenstein für “Vollbild Manufactum” und den darum herum gestrickten Satz bedanken.  Und für den letzten.

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Nachrichtenlage 11

30. Juni 2010 - 07:37 Uhr

FAZ bekommt einen Preis für unprätentiöse Überschrift, Seite 1: “Heute wird der Bundespräsident gewählt” (57 Zeilen), neutralisiert durch “Die Flammen der Frau Wulff” auf Seite 7 - über die Tätowierungen der First-Lady-in-spe (104 Zeilen).

Hubert Spiegel wertet die Lesevorlieben der Kandidaten aus, mit dem “Kleinen Prinzen” hat Wulff sich disqualifiziert - das ist das Lieblingsbuch der Nichtleser, aber sagt uns vielleicht Gaucks Hemingway (”Wem die Stunde schlägt”), dass Gauck seit langem nicht mehr zum Lesen kommt? Muss nicht sein, immerhin ist er in der Lage, auch buchstabenreichere Werke zu erfassen. Muss ja. Wer Stasi-Akten usw. Weiterlesen »

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Klagenfurt 2010 - Exkurs

28. Juni 2010 - 15:36 Uhr

Wartet jetzt noch jemand darauf, dass ich über die Texte schreibe? Noch habe ich das vor.

Meine persönlichen Höhepunkte fanden woanders statt als im ORF-Theater, zum Beispiel am Samstagabend rund um das Bachmannschwimmen im Strandbad Maria Loretto. Beschreibung hat Frau Kaltmamsell übernommen, ich habe dem nichts hinzuzufügen, als einen zufriedenen Seufzer. Weiterlesen »

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Bachmannpreis, 1. Lesungstag

24. Juni 2010 - 16:59 Uhr

Mir war flau.

<befindlichkeit mode>

Es war gut, wie es war, als ich mir die Sache vom Rand aus anschaute. In diesem Jahr trage ich immer ein ordentliches Oberteil mit mir herum. Wenn mir jemand eine Frage stellt, antworte ich, als hätte er ein Mikrofon in der Hand, das heißt: Bemühe mich, das Ende des Satzes zu seinem Anfang passen zu lassen. Übungshalber. Direkt nach der Landung Hotel, Fahrradleihen, zwei Radiointerviews. Heute nochmal Radio, Fernsehen (für morgen Abend), ungepudert. Weiterlesen »

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